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ANDERMATT: Absage des Stars erwies sich als Glücksfall

Der äussere Rahmen war mondän. Seriös und konzentriert gestaltete sich das künstlerische Ergebnis im Eröffnungskonzert des neu gegründeten Swiss Alps Classics Festival. Am Start war der Pianist Igor Levit.
Fritz Schaub
Die furiose Gangart von Pianist Igor Levit war auch für die Noten-Umblätterin herausfordernd. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (25. Juni 2017))

Die furiose Gangart von Pianist Igor Levit war auch für die Noten-Umblätterin herausfordernd. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (25. Juni 2017))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Absage des chinesischen Starpianisten Lang Lang schien den Organisatoren des neuen Festivals einen Strich durch die Rechnung zu machen. Doch jetzt erwies sich der Ersatz durch Igor Levit als Glücksfall, wie das Eröffnungskonzert am Sonntagabend zeigte.

Dort, wo 2005 der ägyptische Investor Samih Sawiris seine Pläne für das Luxusresort im Bergdorf verkündet hatte, in der Mehrzweckhalle, spielte Igor Levit ein Programm, wie man es von Lang Lang kaum hätte erwarten können: Mozart und eine Auswahl von Präludien und Fugen von Schostakowitsch im ersten Teil, den monumentalen Zyklus der Diabelli-Variationen von Beethoven nach der Pause. Indem der aus Nischni Nowgorod stammende, aber in Deutschland aufgewachsene Levit mit der Fantasie für Klavier d-Moll KV 397 von Wolfgang Amadeus Mozart begann, bezog er sich auf jenen Komponisten, der in allen Veranstaltungen vertreten ist.

Verschiedene Aspekte des Menschen und Musikers

Auf den ersten Blick scheint es nicht besonders originell, das Wunderkind der Klassik zum Thema des Festivals zu machen. Doch Mozart steht keineswegs derart im Mittelpunkt, dass man von einem Mozart-Festival sprechen könnte. Zudem werden die Konzerte von Vorträgen begleitet, in denen verschiedene Aspekte des Menschen und Musikers Mozart zur Sprache kommen.

Ein wienerisches Flair kam so oder so an der Eröffnung ins Bergdorf, schliesslich stammen sowohl der künstlerische Leiter Christian Hellsberger als auch der eigentliche Initiant des Festivals, der Unternehmer Peter-Michael Reichel, aus Wien. Am Eröffnungstag ergab sich eine mondäne internationale Ambiance, fast wie jeweils im KKL – und das ausgerechnet in der Mehrzweckhalle mitten im ehemaligen Militärbezirk. Heinzelmännchen hatten die nüchterne Halle in einen nobel ausgestatteten Konzertraum verwandelt.

Die Besucher, unter die sich auch Samih Sawiris mischte, betraten ihn über einen roten Teppich. Selbst die wie ein kunstvolles Relief wirkende Kletterwand, vor welcher das Konzertpodium mit dem Steinway-Flügel aufgebaut war, fügte sich stimmig in den luxuriösen Rahmen. Schon am folgenden Tag wurde das Luxus-Interieur wieder abgebrochen. Die andern Veranstaltungen bis zum 1. Juli finden entweder in der Pfarrkirche St. Peter und Paul, im The Chedi Andermatt oder oben auf dem Gotthardpass statt, in der ehemaligen Festung Sasso San Gottardo (Isabel Karajan mit einer Rezitation).

Mit Gipfelwerken auf Du und Du

Musikalische Beobachter sind immer wieder erstaunt, dass sich der erst 30-jährige Igor Levit mit Vorliebe den Gipfeln der Klavierliteratur zuwendet, insbesondere zu umfangreichen Zyklen. So spielte er am letztjährigen Piano Festival Lucerne J. S. Bachs Goldberg-Variationen. Andermatt zeigte ein ähnliches Bild. Im ersten Teil war der zyklische Charakter allerdings noch fragmentarisch. Denn Levit trug von den 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch nur eine kleine Auswahl vor, die fünf in A-Dur, D-Dur, f-Moll, d-Moll und Des-Dur.

Während die ersten den leichten Tonfall der Mozart-Fantasie fortzusetzen schienen, legte er in der Folge die Stücke so an, dass sich eine unablässige Steigerung bis zum an 15. Stelle liegenden Des-Dur-Präludium und Fuge ergab. Dabei beeindruckte Levit sowohl durch einen tiefgründigen Anschlag wie auch durch seine furiose, jedoch stets kontrollierte Gangart, die in dem lebhaft hämmernden und sich beschleunigenden d-Moll-Abschnitt die Noten-Umblätterin, aber nicht Levit in Nöte brachte. (Er spielte sowohl die Mozart-Fantasie wie auch die Schostakowitsch-Stücke ab Noten.)

Eine Parforce-Tour sondergleichen war Beethovens nun auswendig gespielter, fast einstündiger Zyklus der 33 Veränderungen (C-Dur) über einen Walzer von Anton Diabelli. Levit gehört zu jener jüngeren Pianisten-Generation, die den direkten Kontakt mit dem Zuhörer sucht. So berichtete er von einer Hörerin, die ihn nach einer Wiedergabe der Diabelli-Variationen völlig aufgebracht aufsuchte und in einem Bild darstellte, wie sie dieses Werk erlebt habe, nämlich als völlig chaotisch, so als würde sie in der Küche stehen und vor sich einen leeren Topf sehen, in den man alles willkürlich hineinwerfen könne.

Kratzbürstig, bizarr und tiefgründig

Auf ihre Weise hatte die Frau das Werk verstanden. Denn in diesem Spätwerk hat Beethoven sozusagen alle die unterschiedlichen Elemente hineingestopft, die ihn in seinem musikalischen Leben beschäftigten. Levit vermied es, glättend einzuwirken, stellte das Kratzbürstige, Bizarre ebenso geschliffen heraus, wie er das Tiefgründige mit unglaublich verinnerlichtem und differenziertem Anschlag ergründete.

Mit seiner rhythmisch strengen und umsichtig gliedernden Spielweise brachte er eine bezwingende Ordnung in das vermeintliche Chaos und stellt das Werk als Ganzes dar. Überraschend beendet Beethoven dieses komplexe und sperrige Meisterwerk mit einer Art harmlosem Menuett. Levin doppelte nach, indem er als Zugabe ausgerechnet den vielleicht populärsten Beethoven in den Saal zauberte: «Für Elise». Was ihm, der gerne Piano-Lectures mit Schriftstellern gibt, am letztjährigen Piano Festival Lucerne verwehrt blieb: In Andermatt genoss er seine Freiheiten. Und sprang gestern für Rolando Villazon, der abgesagt hatte, gar beim Publikumsgespräch im «The Chedi» ein.

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