ANDERMATT: Horn dröhnt und träumt im Neat-Tunnel

Am Sonntag wurde das Osterfestival von Swiss Chamber Music Circle in Andermatt eröffnet. Eine Uraufführung liess besonders aufhorchen.

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Die Festival Strings Lucerne brillierten in der Pfarrkirche Andermatt zusammen mit dem Alphornbläser Arkady Shilkloper. (Bild: Dominik Wunderli)

Die Festival Strings Lucerne brillierten in der Pfarrkirche Andermatt zusammen mit dem Alphornbläser Arkady Shilkloper. (Bild: Dominik Wunderli)

Simon Bordier

Anfang Juni werden der Gesamtbundesrat, Angela Merkel, François Hollande, Matteo Renzi und viele mehr in die Röhre schauen. Dann nämlich wird der Gotthard-Basistunnel mit einem Volksfest eröffnet.

Wie sich das anfühlt, mit 200 Sachen durch ein 57 Kilometer grosses Loch zu donnern, kann man bereits auf musikalischer Ebene vorsondieren. Dies hat Luigi Laveglia, Komponist und Dozent der Hochschule Luzern, eindrücklich getan: Er bringt in seinem neuen Stück «Portale» zwar nicht direkt die Tunnelröhren zum Schwingen, dafür aber eines der längsten Musikinstrumente der Welt: das Alphorn.

Klischees lösen sich auf

Das Werk für Alphorn, Horn und Kammerorchester wurde am Sonntag in der Kirche St. Peter und Paul in Andermatt uraufgeführt. Dies geschah im festlichen Rahmen bei der Eröffnung der zweiten Ausgabe des Osterfestivals von Swiss Chamber Music Circle: Das Innere der Barockkirche war bunt ausgeleuchtet, die Festival Strings Lucerne spielten populäre Werke von Bach und Mozart, und im Publikum hörten illustre Gäste aus der Zentralschweiz und aus Bundesbern zu. Marco Caduff, Moderator bei Radio Swiss Classic, führte eloquent, manchmal aber etwas gar redselig, durch den Abend.

Doch all dies war schnell vergessen, als plötzlich aus Lautsprechern ein Dröhnen und Säuseln erschallte, als ob der Föhn durch ein Rohr auf der Neat-Baustelle blasen würde. Auch ein luftiger Ton war zu Beginn des Stücks von Laveglia auszumachen, den die Streicher des Orchesters dann als Stimmton aufgriffen und weiterformten. Ganz unscheinbar stimmte plötzlich der russischstämmige Blasmusiker Arkady Shilkloper am Alphorn mit ein. Seine Stimme erklang dabei wie ein Produkt all der säuselnden Klänge aus den Lautsprechern und dem Orchester. Damit lösten sich alle Alphornklischees in Luft auf, die der Komponist partout vermeiden wollte, wie er dem Premierenpublikum zuvor erklärt hatte.

Publikum aufgeschreckt

Nach dem ersten Satz, dem «Eingang», erklang der «Traum». Dazu wechselte Shilkloper vom Alphorn auf ein Ventilhorn, quasi die technisch idealisierte Version des Instruments. Tatsächlich wandelte die Hornmelodie träumerisch über den tremolierenden Streichern, doch wurde das Publikum immer wieder mit gestopften Blechklängen jäh aufgeschreckt. Und spätestens mit den brummenden und grollenden Alphornklängen zu Beginn des dritten Satzes, dem «Licht», war der Traum ausgeträumt, und der Solist strebte virtuos dem Ende des Tunnels entgegen.

Arkady Shilkloper und den Festival Strings unter der Leitung von Daniel Dodds gelang eine äusserst klangsinnliche Uraufführung, welche die Grenzen zwischen «künstlich» erzeugten Tönen und Geräuschen und «natürlichen» immer wieder verschwinden liess. Mit dieser Auftragskomposition setzten auch die Organisatoren des jungen Osterfestivals und die Stiftung Pro Helvetia ein starkes Zeichen im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Schwierige Akustik

Auch beliebte Klassikwerke stehen beim Festival, das nun zum zweiten Mal stattfindet, bis am 28. März auf dem Programm. Die Festival Strings Lucerne unter Daniel Dodds, der das Orchester vom ersten Notenpult aus leitete, sorgten hierbei für einen stimmigen Auftakt. Eingeschränkt wurde das Konzerterlebnis durch die akustischen Verhältnisse. So litt beispielsweise das Konzert für zwei Violinen in d-Moll von Bach unter dem Kirchenhall: Man nahm die Solisten Daniel Dodds und Gergana Gergova manchmal vom Orchester völlig losgelöst wahr, obwohl ihre Stimmen kontrapunktisch aufeinander bezogen waren.

Starke Momente entstanden durch rhythmische Impulse der Bässe sowie im Funken sprühenden Wechselspiel des Allegro: Der Wetteifer der beiden Solisten fand hier nahtlos seine Fortsetzung im Orchester und sorgte für tosenden Beifall des Publikums.

Mozarts Ouvertüre zu «Figaros Hochzeit» und seine «Jupiter»-Sinfonie verfehlten in den genüsslich ausgespielten Tutti-Schlägen nicht ihre Wirkung. Auch kammermusikalische Momente wurden immer wieder fein ausgespielt. Dazwischen blieb aber auch einiges im Ungefähren – sei es wegen des Kirchenhalls, sei es wegen Ungenauigkeiten im Zusammenspiel. Dennoch: In solchen Momenten wurde das Know-how des «Mozart-Orchesters» hörbar.

Hinweis

Das Osterfestival Andermatt bietet täglich Kammerkonzerte bis Ostermontag. Info und VV: swisschamber-musiccircle.ch

Das Eröffnungskonzert wurde von Radio SRF 2 aufgezeichnet. Es wird am 31. Mai um 22 Uhr in der Sendung «Im Konzertsaal» übertragen.