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Andermatt reloaded: Ein Festival hebt ab

Ist dies die Zukunft? Das dritte Klassikfestival in Andermatt, das soeben zu Ende gegangene Swiss Alps Classics, katapultiert das Dorf auf eine neue musikalische Ebene. Das Publikum kommt in Scharen. Aber ist der Erfolg nachhaltig? Es gibt Indizien dafür.
Roman Kühne
Klarinettist Jörg Widmann lotete den neuen Saal in Andermatt auch für ganz leise Töne aus. (Bild: Peter Fischli / Swiss Alps Classics)

Klarinettist Jörg Widmann lotete den neuen Saal in Andermatt auch für ganz leise Töne aus. (Bild: Peter Fischli / Swiss Alps Classics)

Andermatt startet durch. Fast aus dem Nichts hat sich der kleine Ort in Europas Kulturwahrnehmung eingestampft. Die dritte Durchführung der Swiss Alps Classics erbrachte diese Woche eine völlig neue Dimension. Natürlich, schon letztes Jahr schnupperte man an internationalen Schlagzeilen. 2018 war das Konzert mit den Schülern von Lang Lang in Altdorf ausverkauft. Am Schluss spielte der Meister, nach 18-monatiger Entzündungspause, überraschend selber. Die Schlagzeilen und deren Verbreitung waren der Veranstaltung gewiss.

Die aktuelle Serie bewegt sich noch einmal auf einem ganz anderen Niveau – der neuen Konzerthalle sei Dank. Eigentlich ist es purer Wahnsinn, dass der Investor Samih Sawiris hier einen grossen Saal ins Bergdorf knallt. Und man mag den Chalet-Schick des neuen Radissons zwischen zweifelhaft und geschmacklos einordnen. Doch die Gestaltung, die Atmosphäre und vor allem die Akustik des Musikpalastes überzeugen auch am Samstagabend.

Gerade bei Klarinettist Jörg Widmann ist nicht grosses Volumen, sondern teils extremstes Pianissimo gefragt. Vor allem mit Eigenkompositionen lotet der Deutsche die Radikale des Saales aus. In «Sphinxensprüche und Rätselkanons» gehen Widmann und US-Sopranistin Marisol Montalvo an die Grenzen der Hörbarkeit. Das geräuschhafte Gemenge, gesungene und gesprochene Konsonanten, Flüstermomente: Alles bleibt hör- und fühlbar.

«Ich habe die Fantasie schon mit 18 geschrieben»

Zusammen mit dem Pianisten Oliver Triendl entfaltet die schwebende bis hitzige Avantgarde eine Akustik und Durchschlagskraft, die bis in die hinterste Reihe reicht. Bei «Der Hirt auf dem Felsen» (Franz Schubert) entwickeln die drei nicht ganz diese Geschlossenheit. Zu sehr beissen sich die romantischen Instrumentalisten mit dem etwas harten Klang der Sängerin.

Dafür ist das virtuose "Fantasie für Klarinette solo» des Komponisten Jörg Widmann der Hammer. Er gurrt und rupft, knallt und haucht. Meisterhaft, mehrstimmig und mit dem akrobatischen Flair eines Zirkusartisten. «Ich habe die Fantasie schon mit 18 geschrieben und spiele heut noch jede Note aus dem Text», sagt der Künstler. «Aber die Dramatik der Komposition, vor allem die Enden der Phrasen und die Pausen gestalte ich aus dem Moment heraus. Es ist erstaunlich, wie die Musik auch für mich immer wieder anders tönt.»

Höhepunkt des Abends ist die Aufführung des Klarinettenquintetts von Carl Maria von Weber. Begleitet wird Jörg Widmann vom hauseigenen Swiss Alps Chamber Ensemble, das sich unter anderem aus Musikern der Wiener Philharmoniker zusammensetzt. Im Bravourstück sind sie der sensible Boden, dem eine fast schon opernhafte Vision entspringt. Emotional, mit Augenzwinkern und sichtbarem Spass aufgeführt. Selten hat man eine Klarinette so leise und dennoch klangvoll spielen hören. Der Saal trägt es problemlos. In absurdem Tempo galoppieren die Musiker durch den Schlusssatz. Präzise und klar. Das Publikum ist begeistert.

Viele Einheimische und tolles Programm

Doch kann dieser Höhenflug von Dauer sein? Ein positives Signal ist das grosse Zuschauerinteresse. Am Samstagabend kamen wieder um die 300 Besucher. Und dies bei Kammermusik, normalerweise kein solcher Magnet.

Ebenfalls positiv fällt auf: Es sind auch viele Einheimische da. Die regionale Verankerung stimmt. Man ist nicht nur für das internationale Jet-Set attraktiv. Weiter ist der musikalische Leiter Clemens Hellsberg, für Jahre das Gesicht der Wiener Philharmoniker, ein Garant für anhaltenden Erfolg. Er setzt nicht nur auf klassische Gassenhauer, sondern mutet dem Publikum auch zeitgenössische Kompositionen zu - immer gut im Programm verpackt. Und dies kommt an.

Beim anschliessenden, zubuchbaren Dinner im Chedi mit Musikern und Gästen, zeigt sich zum Beispiel Franz Steinegger, vielen als Retter der Expo 0.2 bekannt, begeistert: «Es ist schon spannend, was in der neuen Musik so läuft. Ich fand diese Eigenkompositionen inspirierend.»

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