Opernhaus Zürich
Andreas Homoki: «Ich bin die Heulsuse unter den Regisseuren»

Intendant Andreas Homoki über seine neue Inszenierung, starke Frauen und Zürich.

Anna Kardos
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Andreas Homoki

Andreas Homoki

T+T Fotografie

Andreas Homoki, ist das weibliche
Publikum in der Schweiz besonders anspruchsvoll?

Andreas Homoki: Das weibliche? Warum?

Weil Sie in Zürich ausschliesslich starke Frauengestalten inszenieren: Leonore, Katerina Ismailova und
jetzt Médée.

Ich inszeniere immer starke Frauenfiguren. Weil mir in den Opern noch keine schwache begegnet ist. Meist sind es ja
die Frauen, die in den Konflikten unserer tradierten Männergesellschaft zerrieben werden. Indem die Autoren Frauenfiguren schaffen, die sich auflehnen, werden sie repräsentativ für die Kritik des Autors.

Bei den Tenorrollen ist das umgekehrt . . .

. . . das sind meist die Weicheier. Man braucht sich nur umzuschauen: Auch real beobachten Frauen ihre eigene Emotionalität, Männer blenden das aus. Und dann sagt die Frau: Wir müssen reden, und der Mann: «was denn, wieso?»
Die Frauen sind da überlegen. (lacht)

Sie haben einmal gesagt, man müsse glaubwürdig inszenieren. Wie machen Sie Médée glaubwürdig, die die Bühne als Kindsmörderin und Mehrfachmörderin verlässt?

Sie ist ja schon zu Beginn eine mehrfache Mörderin. Das sehen wir aber nicht.
Wir sehen eine Frau, die verzweifelt ist. Weil sie spürt, dass sie den Mann, für den sie all das getan hat, verliert. Dazu kommt, dass sie als Flüchtling in Korinth viel fremder ist als ihr Mann. Sie kommt aus Kolchis – damals das Ende der Welt. Und nun soll sie aus politischen Gründen weggehen. Sie ist allein, verlassen, verzweifelt. Es geht darum, für so eine Figur Empathie zu empfinden, sonst brauche ich mir das nicht angucken. Ich gehe ja auch nicht in ein Stück über die Probleme von Adolf Hitler.

Es heisst, Sie inszenierten elegant – und manchmal auch «emotionsarm».

Ist doch Quatsch, ich tue das Gegenteil.
Es geht in der Oper vor allem um Emotionen. Daher muss ich in jedem Moment verstehen, was zwischen den Figuren passiert.

Aber Ihre Médée rast nie.

Ich kann nur im Rahmen inszenieren, den mir das Stück vorgibt. Wir haben hier keine Bluttatgeschichte, sondern eine tragédie lyrique: Ein Mann, der zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen ist;
eine verliebte Königstochter, ein König, der meint, er kriege das gedeichselt;
und dann der getäuschte Brautwerber – also starke Konstellationen. Und das
wird durchdekliniert.

Stimmt. Nur klingt durchdeklinieren nicht nach Emotionen.

Durchdeklinieren ist ein technischer Regieterminus. Filmschnitt klingt auch nicht nach Emotionen, spielt aber beim Erzeugen von Emotionen eine grosse Rolle.

Wie übersetzen Sie die barocke Klangwelt nach heute? Wenn Mimì ihre kalten Hände besingt, ist uns
das schon näher.

Bei Puccini ist die musikalische Sprache viel fortgeschrittener. Ein Mensch von 1690 würde bei «La Bohème» wahrscheinlich schreiend davonlaufen. Aber man kann mit einem Schwarz-Weiss-Film eine genauso starke Emotionalität erzielen wie in einem Cinemascope-Farbfilm in 3 D. Genauso in der Musik: Die ist hier weniger extrem in ihrer Klanglichkeit. Aber innerhalb ihrer Bandbreite hat sie eine sehr starke Wirkung.

Ist das Opernhaus mit Ihnen deutscher geworden? Unter den
Neuinszenierungen findet man kaum italienischen Belcanto.

Wir haben in den vergangenen vier Spielzeiten drei Bellini-Opern insze-
niert und jedes Jahr einen Verdi neu. Generell versuche ich, Stücke zu produzieren, die theatralisch interessant sind und nicht nur Gefässe für Gesangsakrobatik. Wenn Sie das Deutsch nennen, bitteschön.

Zürich ist ordentlich, sauber, angenehm . . . soll man die Leute hier operntechnisch herausfordern?

Ich mache das, was ich an einem anderen Ort auch machen würde. Kunst ist keine Industrieproduktion, die sich an einem bestimmten Markt orientiert. Es ist umgekehrt, man produziert das, was man
für richtig hält, und versucht es den Leuten nahezubringen.

Sie haben das Opernhaus zu einem Place to be gemacht . . .

Mein Anspruch ist, spannendes Theater zu machen. Als Sohn eines Orchestermusikers bin ich früh mit der Oper in Berührung gekommen, habe mich aber später an der Unglaubwürdigkeit der Inszenierungen gestört. Seitdem bin ich allergisch gegen die Haltung, Oper sei etwas Gehobeneres, das man nur mit Vorbildung verstehen kann. Sie muss auch ohne Vorbereitung verständlich sein. Darum gehts mir. Theaterspielen kommt von Spielen. Also zeige ich, unterhalte, gebe Denkanstösse, rege zu Widerstand an. Intelligenz, spielerische, ist ein wichtiger Punkt. Und wenn das gelingt, sollte das allen zugänglich sein. Wenn Sie also sagen, die Oper ist ein Place to be, freut mich das umso mehr.

Sie gefallen Zürich. Was gefällt Ihnen an Zürich?

Das Opernhaus erfüllt in jeder Beziehung die allerhöchsten Standards: Solisten, Dirigenten, Regisseure, Chor und Orchester, die Werkstätten, die Genauigkeit, mit der Dinge gebaut, Kostüme hergestellt werden und auf der Bühne gearbeitet wird. Hier steht die Kunst im Vordergrund und nicht: «Hauptsache, der Lappen
geht hoch!» Zudem erlebe ich hier eine grosse Offenheit des Publikums.

Die «NZZ am Sonntag» schrieb vorletzte Woche, der Oper stünde ein Intendantenwechsel bevor.

Na, so was.

Was ist dran an diesem Artikel?

Die Bayerische Staatsoper sucht per 2021 einen neuen Intendanten. Und der Artikel spekuliert, dass ich einer der Kandidaten sei. Das ist schmeichelhaft, wenn die «NZZ» das von mir denkt. Wenn man in Zürich erfolgreich ist, landet man schon mal auf einer Shortlist.

Sie müssen sich also gar nicht bewerben . . .

Ich habe mich noch nie irgendwo beworben. Und ich kann Ihnen sagen, ich wurde auch noch von niemandem aus München angesprochen. Die ganze Spekulation ging los, als in Wien die Intendantenstelle neu besetzt worden ist. Da war es tatsächlich so, dass ich einen Anruf bekam. Natürlich ist Wien ist ein mythischer Standort – also habe ich mir das überlegt, dann aber entschieden, mich nicht zu bewerben. Trotzdem wurde ich in der Presse als einer der Bewerber genannt. So was ärgert mich.

Warum bewarben Sie sich nicht?

Ganz einfach: weil es hier besser ist!
Mir reicht es nicht, in meiner Loge zu sitzen und zu sagen: Das ist alles meins. Ich möchte, dass das, was auf der
Bühne stattfindet, mich mit Freude und Stolz erfüllt.

Sie sind Intendant und Regisseur. Müssen Sie manchmal den Intendanten raushängen, um sich als Regisseur Respekt zu verschaffen?

Nö, das kann ich schon auch als Regisseur. Sicher ist man als Intendant auch noch der Intendant. Ich bemühe mich
um einen direkten, persönlichen Austausch mit allen Mitwirkenden einer Produktion. Als Künstler muss man authentisch sein und darf sich nicht hinter
einer Position verstecken.

Ihre Kollegen beschimpfen den
Chor auch mal als Beamtenschweine und Arschlöcher.

Das ist nicht gut, vor allem: Das sind sie gar nicht. Gerade unser Chor zeichnet sich durch aussergewöhnliches künstlerisches Engagement aus. Regisseure sind oft etwas cholerisch, auch ich kann mal austicken. Oft steht man unter Druck und ist bei den Proben in einer emotional aufgeladenen Situation. Da kann es passieren, dass ich jemanden zusammenstauche. Aber es tut mir dann auch leid, ich entschuldige mich – und gut ist. Das verstehen die Leute auch.

Ist ein Opernhaus in puncto Emotionen eine Art Irrenhaus?

Eigentlich nicht. Sänger sind sehr ausgeglichene Menschen. Man durchlebt beim Proben ja emotionale Zustände. Das ist ein kathartischer Vorgang und das macht ausgeglichener. Ich bin jedenfalls sehr viel ausgeglichener, seit ich Theater mache.

Médée ist Ihre zweite Barockoper.
Und wieder eine von Charpentier. Weshalb nicht Monteverdi oder Händel?

Ich habe diesen Charpentier lieb gewonnen. Händels Opern bestehen aus: kurze Spielsituation, grosse Arie. Dann geht die Figur ab. Applaus. Neue Situation. Grosse Arie, Figur ab. Diese Form ist dazu da, grosse Sänger zu präsentieren. Meist sind italienische Barockopern auch ohne Chor. Und ich mag es schon, das ganze Theater mit dabei zu haben.

Sie wären der ideale Kandidat
für antikes Theater: Der Chor ist
bei Ihnen zentral.

Der Chor steht für die Gesellschaft als Gegenpol zum Einzelnen. Das hat eine enorme Energie. In Médée habe ich eine Szene hinzuerfunden, in der die Kinder sterben, während der Chor der Korinther sein eigenes Leid beklagt. Das ist das Gegenteil von jenem «emotionsarm», das Sie zitieren. Ich suhle mich richtiggehend in Emotionen. Eigentlich bin ich die Heulsuse unter den Regisseuren.

Charpentier «Médée». Ab morgen Sonn-
tag, 19 Uhr. Weitere Vorstellungen: 26. und 28. Januar um 19 Uhr. www.opernhaus.ch