Architektur-Trend
Wir haben ein modernes Haus aus purem Holz besucht - radikal und schön

Holz heisst nicht nur Chalet. Sondern auch Gegenwart. Ein Alpnacher Holzbauer und ein Aarauer Architekt zeigen beispielhaft, was mit Holz möglich ist. Alleine mit Holz. Ein gebautes Statement.

Sabine Altorfer
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Die Reihenhäuser aus Holz von Frei Architekten im Goldernquartier Aarau. Südseite mit den Balkonen.

Die Reihenhäuser aus Holz von Frei Architekten im Goldernquartier Aarau. Südseite mit den Balkonen.

Bild: Felix Wey

Die meisten Holzbauten sind heute Hybride. Kerne aus Beton und Stahltragwerke werden einerseits mit Holz ummantelt oder ausgefacht, und andererseits werden Holzbauten oft mit Isolation und Verputz eingepackt. Doch nur Holz, wie bei jahrhundertealten Häusern, geht das? Bei unseren Ansprüchen und Gesetzen? Ja. Zumindest fast.

Architekt Christian Frei wollte es wissen. Er hat im Aarauer Goldernquartier vier Reihenhäuser gebaut, als Ersatz für ein Einfamilienhaus. Schwarz geschindelt sind die spitz aufragenden Fassaden, schwarz gestrichen die grosszügigen Balkone.

Die schöne Haut aus von Hand gespaltenen und mit Tinte schwarz eingefärbten Schindeln.

Die schöne Haut aus von Hand gespaltenen und mit Tinte schwarz eingefärbten Schindeln.

Bild: Felix Wey

Das wirkt wie ein Manifest. Doch welch ein Gegensatz im dreistöckigen Innern: Hell und freundlich und wohnlich ist es hier – und Holz, wohin das Auge blickt. Böden, Wände, Treppe, Geländer, Türen. «Das Holz ist nicht nur Dekor, sondern Prinzip», sagt Frei.

Das Raumgefühl und die Architektur stimmen. Der Grundriss ist so einfach wie raffiniert: Die Geschossflächen sind gedrittelt, in Zimmer, Treppenhaus mit Bad, Zimmer in den beiden Obergeschossen, im Parterre belegt der Wohn-Essraum zwei Drittel, Küche und Eingang den Rest.

Holzbau der Frei Architekten in Aarau

Holzbau der Frei Architekten in Aarau

Bild: Felix Wey
Holzbau der Frei Architekten in Aarau. Zweites Obergeschhoss.

Holzbau der Frei Architekten in Aarau. Zweites Obergeschhoss.

Bild: Felix Wey

Freis radikales Prinzip heisst Holz für alles. Nur Holz. Und das soll man sehen. Selbst die Aussenwände und die tragenden Konstruktionen bestehen nur aus Holz. «Diese Radikalität war nur möglich, weil ich mein eigener Bauherr war und vor allem dank des richtigen Holzbauers», betont der Architekt. «Mit Küng Holzbau in Alpnach habe ich den idealen Partner gefunden.»

Nur ohne Leim funktioniert der Kreislauf

«Holz pur» ist für den Holzbauer Stephan Küng nicht nur Slogan, sondern Leitlinie für die tägliche Arbeit und die Entwicklung neuer Ideen. Wir treffen ihn in Alpnach, im neuen vom Prix Lignum ausgezeichneten Betriebsgebäude. Der vierstöckige Holzbau steht solitär, mit umlaufenden, sich nach oben verbreiternden Lauben, die im Sommer Schatten spenden, im Winter das Licht der tieferliegenden Sonne aber einlassen.

Das Betriebsgebäude von Küng Holzbau in Alpnach, 2019 gebaut und mit einem Anerkennungspreis des Prix Lignum 21 ausgezeichnet. Rechts im Hintergrund die Produktionshalle.

Das Betriebsgebäude von Küng Holzbau in Alpnach, 2019 gebaut und mit einem Anerkennungspreis des Prix Lignum 21 ausgezeichnet. Rechts im Hintergrund die Produktionshalle.

Bild: zvg

Holz ist hier sowohl funktional wie ornamental verbaut: Die Aufhängungen der Lauben gleichen Seilschlaufen, die Wände und Decken im Innern sind als Gitter- und Quadratmuster gestaltet. Nur der Gebäudekern mit dem Lift sei betoniert, so Küng, das habe die graue Energie für den Bau minimiert.

«Wollen wir das Haus verändern, können wir alle Holzteile auseinandernehmen und wieder verbauen», sagt er. «Hier ist nichts verleimt und geklebt.» Der letzte Satz ist der entscheidende, merken wir. «Wenn Holz verklebt wird, ist es als Baustoff nachher wertlos», sagt Küng. Sein Ziel ist aber eine Kreislaufwirtschaft, daran tüfteln er und alle 80 Leute im Betrieb.

Alles beginnt im Wald

Jetzt aber zu seinem Holz pur. Das beginnt im Wald der Umgebung. Er suche mit den Förstern die Bäume aus, gefällt werden sie im Winter, ein Grossteil gar als Mondholz, in den wenigen Tagen vor dem Dezember-Neumond, wenn die Bäume möglichst wenig Saft haben. In den lokalen Sägereien wird es geschnitten und dann in der eigenen Produktionshalle zu Schichtholzwänden verarbeitet. Auf einer computergesteuerten, automatisierten Produktionsstrasse werden Bretter kreuzweise geschichtet, Fenster und Türen ausgespart, Leitungen eingefräst, Verbindungen vorbereitet.

Die digital gesteuerte, vollautomatische Produktion der Schichtholzwände bei Küng Holzbau AG in Alpnach Dorf.

Die digital gesteuerte, vollautomatische Produktion der Schichtholzwände bei Küng Holzbau AG in Alpnach Dorf.

Bild: zvg
Die Wandplatten werden nicht geleimt, sondern gedübelt.

Die Wandplatten werden nicht geleimt, sondern gedübelt.

Bild: zvg
Die Dübel halten die Platten zusammen. Wand im Wohnzimmer von Freis Haus in Aarau.

Die Dübel halten die Platten zusammen. Wand im Wohnzimmer von Freis Haus in Aarau.

Bild: Felix Wey

«Der Roboter optimiert die Produktion», sagt Küng, «so entsteht möglichst wenig Abschnitt». Die aufwendigste Arbeit sei die Bearbeitung der Detailpläne und die Programmierung.Wichtig für Küng: Die Platten werden leimfrei nur mit Buchendübeln geheftet. Die Maschinen hat er zusammen mit einer Toggenburger Firma entwickelt. Es gebe in der Schweiz nur drei Holzbetriebe, die so arbeiten. Die Platten sind bis zu fünfzehn Meter lang und drei Meter hoch und werden fertig auf die Baustelle geliefert. Beeindruckend ist, wie die Häuser danach innert weniger Tage entstehen.

Vierzig Zentimeter dicke Aussenwände

In den Häusern von Christian Frei blieb das Konstruktionsprinzip sichtbar. Beim Durchgang zum Wohnzimmer sieht man die Schichtstruktur, die fünf Bretter übereinander, insgesamt 20 Zentimeter dick. Zwei solche Platten bilden die Aussenwände und das Dach. «Einzig zwischen den Häusern mussten wir Gipsplatten als Brandschutz zwischen die Holzwände einbauen», so Frei.

Auf zusätzliche Isolation kann man bei 40 Zentimeter Wanddicke verzichten. Der Dämmwert (U-Wert) von 0,19W/m2K sei leicht schlechter als bei Minergie-Häusern (0,17W/m2K), gesteht Küng. «Aber Sie sparen beim Bau so viel graue Energie, dass sich das mehr als ausgleicht.» Und zudem sei das Raumklima besser: «Die Wände atmen, die Luftfeuchtigkeit bleibt über das ganze Jahr konstant bei 45 Prozent.»

Der Trick mit den Leitungen und der Bodenheizung

Bleiben wir bei den Zahlen: Ein Haus in Holz pur kostet 10 bis 15 Prozent mehr als ein gedämmter Bau. Deshalb bietet Küng das System auch mit (natürlicher) Holzfaserdämmung plus Verputz oder Holzabdeckung an.

Für die sichtbaren Wandflächen im Innern hat Frei Weisstanne gewählt, für die Treppe und das Parkett Esche. Alles ist leicht aufgehellt. «Weiss geseift», erklärt der Architekt, «damit das Holz nicht gelb wird.» Für dunkle Akzente sorgen die Küche und die Einbauschränke beim Eingang. Für Verspieltheit die ausgefrästen Ornamente des Treppengeländers.

Das Treppenhaus

Das Treppenhaus

Bild: Felix Wey

So weit, so Holz. Doch wie bringt man Wasser, Bodenheizung, Lüftung und Elektrizität in ein Holzhaus, ohne dass Leitungen sichtbar oder die Holzwände ausgehöhlt werden? Der Platz findet sich in den Böden. «Holzbauer Küng hat auch dafür ein System entwickelt», erklärt der Architekt. Zwischen den tragenden Balken wird Sand eingeschüttet, darin liegen die Leitungen, darüber ein Raster aus Buchenholz. Die Röhren in die oberen Stockwerke sind hinter einer einzigen flachen Holzabdeckung geführt. Das ist möglich, weil die Badezimmer übereinander liegen. Die Küche ist über den Keller erschlossen.

Die Eingangsseite der «Häuser im Wald».

Die Eingangsseite der «Häuser im Wald».

Bild: Felix Wey

Apropos Keller: Der ist betoniert. Beziehungsweise, der war schon betoniert. Denn Frei hat den Keller des alten Einfamilienhauses belassen und nur um so viel erweitert, dass die Wurzeln der alten Bäume nicht tangiert wurden. Ein grosses Anliegen für Christian Frei. Stolz zeigt er auf die firsthohe Buche, die Eiche und Föhre. Es ist ein ungewohntes Bild, dass bei Neubauten die Hecken schon hoch und die Bäume jahrzehntealt und prächtig sind. «Häuser im Wald» nennt Frei die kompakte Zeile. Holz zu Holz.