Schlange stehen vor dem KKL: Das Bayerische Staatsorchester eröffnete die Gastspiele.

Die raschen Tempi, die der designierte Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper anschlug, trieben das Orchester zum Janitscharen-Ritt an.

Urs Mattenberger
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Das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski im KKL.

Das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski im KKL.

Bild: PD (7. Oktober 2020)

Der Tag wird kommen, an dem man sich nach Konzerten wieder unbeschwert begeistern kann. Zum Beispiel über den Schneid, mit dem am Mittwoch im KKL das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski Beethovens zweite Sinfonie zu einer kleinen «Eroica» hochfuhr. Und damit die Reihe von Gastspielen internationaler Spitzenorchester im KKL wieder eröffnete.

Die raschen Tempi, die der designierte Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper anschlug, trieben das Orchester zum Janitscharen-Ritt an, dem die Hörner mit ihren Nadelstich-Akzenten die Sporen gaben. Und Jurowski phrasierte Aufschwünge mit messerscharf gesetzten Zäsuren, als würde das Orchester für den Bruchteil einer Sekunde den Atem anhalten vor dem grossen Sprung.

Schicksalsgemeinschaft in der Warteschlange

Aber in diesem ersten Migros-­Classics-Konzert der Saison war es noch nicht so weit. Wegen der über 1000 Neuinfektionen stand auch dieses Konzert im Zeichen von Corona. Weil die Abendkasse dennoch rege benutzt wurde, bildeten sich hier und beim Eintritt ins Konzertsaal-Foyer gleich nochmals lockere Schlangen. Selten erleben sich Besucher von Klassik-Konzerten derart als Schicksalsgemeinschaft, wie es hier der Fall war.

Der Grund war, dass viele erst hier ihre Kontaktdaten hinterlegten. Dennoch war von Gedränge keine Spur. Man erfuhr etwa, dass ein auswärtiger Besucher die im KKL längst obligatorische Maskenpflicht als Schikane empfand. Aber in der Schlange selbst herrschte die schicksalsergebene Einsicht, dass all die Schutzmassnahmen unumgänglich sind. Das KKL-Personal empfahl freundlich, die Kontaktdaten vorgängig über die dafür vorgesehene Mindful-App anzugeben.

Auch im Konzert hinterliess Corona seine Spuren. Das ursprüngliche Programm mit Alban Bergs Violinkonzert musste ersetzt werden, weil dessen Grossbesetzung in München nicht erlaubt war. Doch das Bayerische Staatsorchester wischte bei seinem ersten Auftritt ausserhalb Münchens unter dem künftigen Chefdirigenten all das beiseite. Das Programm zeigte, wie sehr sich heute selbst ein Dirigent, der nicht von der historischen Aufführungspraxis herkommt, bei Beethoven an dieser orientiert.

Der Solist als Partner und Gegenpol

Dazu gehörten schon in der zweiten Sinfonie ein transparentes, vibratolos-schlankes Klangbild, rasche Tempi und spritzige Akzente. All diese Vorzüge wurden verstärkt durch die Aufstellung der Musiker, die schachbrettförmig versetzt mit Abständen platziert waren. In den Hintergrund rückten allerdings lyrische Klanggestaltung und atmende Phrasierungen – auch im Vergleich zur Aufführung dieses Werks kürzlich am Lucerne Festival unter Herbert Blomstedt. Jurowskis Gangart ergab eine dramatisch erregte, aber etwas kühle Wiedergabe, die in den gleissenden, von den Trompeten blankgeschliffenen Tuttisalven gipfelte.

Zum Höhepunkt wurde das Violinkonzert. Denn Vladimir Jurowski, ganz souveräner Grandseigneur, führte hier seinen Ansatz zügig weiter – und fand im Geiger Frank Peter Zimmermann einen hochemotionalen Mitspieler und Gegenpol. So spielte Zimmermann im Tutti mit, um sich im ersten solistischen Einsatz umso eindringlicher aus dem Orchester herauszulösen. Mit seinem wandelbaren Vibrato und musikantisch-wild zündenden Figurationen spielte er sich weiträumig in den Vordergrund, verzahnte aber auch sein Spiel mitunter taktweise wechselnd mit dem Zuspiel des Orchesters. Und wo Zimmermann das Spektrum ausweitete vom warm singenden Ton bis zur rhythmisch vertrackten Raserei (im Endspurt des Finales) war die Freiheit, für die Beethovens Werk bis heute steht, jenseits aller Stilgrenzen da.

Hinweis:
www.migros-kulturprozent.ch