Interview
Dirigent Long Yu: «Auch ein Koch kann ein Maestro sein»

Der Dirigent Long Yu spricht im Interview über China, Karajan und was er in Europa gelernt hat.

Interview: Katharina Thalmann
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Der chinesische Dirigent Long Yu. Bild: PD

Der chinesische Dirigent Long Yu. Bild: PD

Am 23. August gastiert das Shanghai Symphony Orchestra am Lucerne Festival. Es feiert seinen 140. Geburtstag, hat einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon und reist um die ganze Welt. Der Mann dahinter ist Long Yu (55): Dirigent und geschickter Vermittler zwischen Ost und West.

Sie und Ihr Orchester werden nach Ihrem Festival-­Debüt 2017 zum zweiten Mal in Luzern auftreten. Was bedeutet Ihnen das?

Long Yu: Es ist eine grosse Ehre. Ich freue mich besonders darauf, mit meinem guten Freund Frank Peter Zimmermann zu spielen, der in unserem Konzert der Solist ist in Prokofjews erstem Violinkonzert. Ich war 27, er 26, als wir uns in Deutschland kennenlernten.

Was sind Ihre Gedanken zum Festivalmotto «Macht»?

Ich wusste nicht, dass es ein Motto gibt beim Festival! (lacht) Ich bin kein Philosoph, sondern bloss ein purer Musiker – die Macht ist die Musik selber. Mit Musik die Herzen der Menschen berühren: Um nichts anderes geht es. Wenn das einem Musiker gelingt, ist das Macht.

Sie wurden als «Chinas Herbert von Karajan» bezeichnet. Was halten Sie davon?

Dieser Vergleich bringt mich in Verlegenheit. Ich danke dem Journalisten, der mir das zugutehielt, weil Karajan ein grosses Vorbild für mich ist. Er war zu seiner Zeit ein Genie – aber jetzt leben wir in einer anderen Zeit.

Inwiefern haben sich die Zeiten geändert?

Die damaligen Maestros hatten viel mehr Macht. Ich habe eine andere Haltung: Als Dirigent ist es das Wichtigste, sich selbst als Teil der Gruppe zu verstehen. Ob Violine, Trompete oder Perkussion: Wir suchen gemeinsam nach der besten Interpretation für Musikliebhaber.

Aber dem Titel «Maestro» haftet noch immer eine Rolle der Überlegenheit an.

Die Leute reden über Maestros in einer altmodischen Art und Weise. Ein Schuhmacher kann ebenfalls ein Maestro sein, oder ein Koch, ein Geiger oder ein Komponist: Wenn du der Beste bist in dem, was du machst, bist du ein Maestro. Wir versuchen alle, unseren Job bestmöglich zu machen. Manchmal liegen wir richtig, manchmal lernen wir dazu. In meinem Fall lerne ich viel von meinen Musikern.

Sie sind Musikdirektor in Shanghai, Guangzhou, bei den Chinesischen Philharmonikern und erster Gastdirigent in Hongkong. Wie bewältigen Sie dieses Pensum?

Mehr arbeiten, weniger schlafen! (lacht) Andere Leute hängen rum oder haben Hobbys, ich verbringe die meiste Zeit mit meiner Arbeit. An den Abenden studiere ich Musik oder spiele Konzerte, tagsüber kümmere ich mich um Administration, Proben, Organisation.

Sie haben in Berlin an der Universität der Künste studiert. Was war die wichtigste Lektion, die Sie in Europa gelernt haben?

Das Wichtigste war, dass ich das europäische Musiksystem kennenlernte. Ich habe gemerkt: Man braucht das richtige System und die richtigen Leute, die für das System arbeiten. In China versuche ich, diese Art von professioneller Plattform aufzubauen. Wie man das macht, habe ich auch in Europa gelernt.

Sie sind 1964 geboren und wuchsen während der Zeit der Kulturrevolution in Shanghai auf. Diese Zeit war eine enorme Machtdemonstration der Regierung. Wie konnten Sie Ihre musikalischen Interessen aufrechterhalten?

Wir hatten keine Chance, Musikunterricht zu bekommen. Wir durften keine klassische Musik hören. Aber ich wuchs in einer Musikerfamilie auf. Als ich zwölf war, hörte ich Mozart am Radio – die Zeit der Kulturrevolution war 1976 vorbei. Von da an studierte ich Musik und begann eine professionelle Karriere. Ich habe grosses Glück, meiner Generation anzugehören. Und bin froh, dass China bezüglich klassischer Musik sich so gut entwickelt hat. Letzten Monat hatten wir ein Treffen mit 64 professionellen chinesischen Orchestern. Es hat sich vieles getan.

In Luzern spielen Sie «Wu Xing», die fünf Elemente, von Qigang Chen. Sie führen dieses Stück oft auf, und Sie haben es auch für Ihre erste CD bei der Deutschen Grammophon aufgenommen, die im Juni erschienen ist. Was bedeutet Ihnen das Stück?

Die chinesische Philosophie glaubt an fünf Elemente: Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Eines führt zum nächsten: ohne Wasser kein Holz, ohne Holz kein Feuer, und so weiter. Aber umgekehrt verzehren sich die Elemente auch: Metall zerstört die Erde, Erde löscht das Feuer, Feuer verbrennt Holz, und Holz verbraucht Wasser. Alles ist ein Kreislauf. «Wu Xing» besteht aus fünf kurzen Sätzen. Es ist eine einfache zeitgenössische Musik, die dem Publikum die chinesische Philosophie nahebringt.

Hinweis
Shanghai Symphony Orchestra, Long Yu (Dirigent), Frank Peter Zimmermann (Violine); 23. August, 19.30 Uhr; KKL Luzern.