Schauspielhaus Zürich startet erstmals mit Tanzstück in neue Spielzeit

Folk-Legende Joni Mitchell als Vorband und ein Tanzstück als Hauptact. Der US-amerikanische Choreograf Trajal Harrell wagt am Schauspielhaus Zürich eine kleine Revolution. Warum sich dieser Künstler kennenzulernen lohnt.

Julia Stephan
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Dominiert ab Samstag den Spielplan des Schauspielhauses: Choreograf Trajal Harrell.

Dominiert ab Samstag den Spielplan des Schauspielhauses: Choreograf Trajal Harrell.

Bild: Paula Court

So was gab es am Schauspielhaus Zürich noch nie: An bürgerliche Trauerspiele ist man ja gewöhnt. An schrilles Regietheater auch. Aber ein Tanzstück über die meistverkaufteste Jazzplatte der Welt, Keith Jarretts «Köln Konzert», und ein paar Joni-Mitchell-Songs im Voraus zur Spielzeiteröffnung? Da bahnt sich eine Revolution an.

Zeremonienmeister und Mitwirkender ist der US-amerikanische Choreograf und Tänzer Trajal Harrell, seit vergangenem Jahr Hausregisseur und ­Begründer der ersten Tanzkompanie am Schauspielhaus Zürich. Mit seinem Körper und seinem durchdringenden Blick für Räume erforscht der Künstler in Theatern und Kunstinstitutionen seit Jahren Tanzstile und vertieft sich manchmal jahrzehntelang in das Vokabular seiner Idole. Um dann die verschiedenen, oft sehr gegensätzlichen ästhetischen Stile zusammenzubringen. Trajal Harrell, das lässt sich mit gutem Gewissen behaupten, ist im neuen Kreativteam um das Intendanten-Duo Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg eine der spannendsten Figuren, seine Ästhetik wird im bürgerlichen Pfauensaal ganz neue Erlebnisse schaffen.

Tanz als Akt der Selbstbehauptung

2012 wurde der Choreograf mit der Serie «Twenty Looks Or Paris Is Burning At The Judson Church» bekannt. Harrell stellte die in den 1960er-Jahren im New Yorker Stadtteil Harlem von mehrheitlich queeren schwarzen und braunen Menschen erfundene Tanz- und Lebenskultur, die sich die Modelposen und -bewegungen auf dem Catwalk stolz und spielerisch aneignet, dem postmodernen Tanz gegenüber, der zur selben Zeit erfunden wurde. «Für die marginalisierten Gruppen, die diese Bewegung erfanden, war und ist Voguing ein Akt der Selbstbehauptung», so die Leitende Dramaturgin des Schauspielhauses Katinka Deecke. Voguing sei auch bis heute eine von Harrells wichtigsten Weltaneignungsstrategien. Auch deshalb ist seine Arbeit hochpolitisch.

Neben klassischem Ballett, dem Voguing, dem modernen und postmodernen Tanz sowie den Tänzen der griechischen Antike – Harrell lebte auch schon in Athen – schlägt sein Herz seit den 2010ern für den japanischen Butoh-Tanz, der mit seiner Beschäftigung mit Hässlichkeit und der Vergänglichkeit des Körpers dem im Westen so präsenten Willen nach Perfektion etwas entgegensetzt. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, dem sei die Soloperformance «The Return Of La Argentina» empfohlen (13. und 17.9. im Pfauen), eine von mehreren kleinen Arbeiten. Der ursprünglich geplante Showcase des Künstlers wurde wegen Corona abgesagt.

Tänzer dürfen keine Kostüme wechseln

Die strengen Coronaregeln sind für Trajal Harrell auch eine ästhetische Herausforderung. Bei ihm wird Haute Couture nämlich nicht nur imitiert, sondern auch getragen und wandert gern mal von Körper zu Körper. Tänzer dürfen sich derzeit aber weder berühren noch ihre Kostüme wechseln.

Das «Köln Konzert», an das sich Harrell nun heranwagt, wird diese Vorgaben erfüllen und mit Sicherheit wieder ein Universum neuer Referenzen aufmachen. Dass seine Abende trotzdem nicht nur Kenner, sondern auch Laien begeistern, liegt daran, dass sie immer auch Gefühlsoffensiven sind. Sie offenbaren die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. Dafür braucht man kein wandelndes Lexikon der Tanzgeschichte zu sein.

Die Premiere des Köln Konzert findet am 12.9. auf der Pfauenbühne des Zürcher Schauspielhauses statt. Weitere Produktionen von Trajal Harrell sind noch bis 18.9. zu sehen. www.schauspielhaus.ch