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Auf der Bühne spielt Herkunft keine Rolle - Flüchtlinge spielen Theater

Den Pianisten aus Roman Polanskis Film kennen viele. Sein Retter ist weniger bekannt. Regisseur Pierre Massaux aus Speicher, der schon viel Erfahrung in der Theaterarbeit mit Migranten hat, inszeniert nun ein Stück über diesen Retter Wilm Hosenfeld.
Mirjam Bächtold
Regisseur Pierre Massaux bei Textproben mit Flüchtlingen in St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Regisseur Pierre Massaux bei Textproben mit Flüchtlingen in St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie kommen aus dem Iran, der Türkei, Afghanistan und Eritrea. Sie sind geflohen vor Krieg oder politischer Verfolgung. Und jetzt versuchen sie, sich in einen Offizier der Deutschen Wehrmacht zur Zeit des Zweiten Weltkrieges hineinzufühlen.

Mit 15 Flüchtlingen und Asylbewerbern probt der Regisseur Pierre Massaux derzeit am Stück «Der Pianist und sein Retter Wilm Hosenfeld», das er selbst geschrieben hat. Den «Pianisten» kennt man aus Roman Polanskis gleichnamigem Film aus dem Jahr 2002. Der Film über Wladyslaw Szpilman basiert auf dessen Buch «Das wunderbare Überleben». Die Figur des Retters, der dieses wunderbare Überleben möglich machte, ist weniger bekannt.

Der Retter - "Ich wollte mehr über ihn erfahren"

Doch sie liess Pierre Massaux nicht mehr los. «Ich wollte mehr über ihn erfahren», sagt der Belgier. Er forschte im Internet nach Hosenfeld, fand eine Telefonnummer und kontaktierte Detlev Hosenfeld, Wilms Sohn. Er erzählte ihm von seinem Theaterstück, das er basierend auf dem Dokumentarfilm «Shoah» in St. Gallen inszenierte. «Und ich sagte ihm, dass ich gerne ein Stück über das Leben seines Vaters schreiben würde.» Detlev Hosenfeld sah sich Massaux’ Inszenierung an, und im gleichen Jahr reiste Massaux zu ihm nach Kiel. Detlev Hosenfeld gab ihm Abschriften der Tagebücher seines Vaters und von Briefen, die sich Wilm und Annemarie Hosenfeld geschrieben hatten.

Die Flüchtlinge werden wie ein Chor sprechen

Es war ein dicker Stapel Hefte – damals war ein Grossteil des Materials unveröffentlicht –, voll mit Wilm Hosenfelds Schilderungen der Kriegsjahre, in denen er in Warschau stationiert war. Er schrieb darin auch kritische Gedanken zum Nationalsozialismus nieder und schickte die Tagebücher mit der Wehrmachtspost nach Hause. «Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Hefte in falsche Hände geraten wären», sagt Pierre Massaux. Der Briefwechsel zeigt Hosenfelds liebende und mitfühlende Seite. Pierre Massaux schrieb aus dem Material ein Stück, doch zur Aufführung brachte er es bisher nicht. «Nach zwei Stücken zum Holocaust wollte ich mich damals einer anderen Thematik widmen», sagt er.

«Mein Leben ist manchmal auch wie ein Theater. Ich muss einfach mitspielen.»

Nun hat er das Stück wieder aus der Schublade geholt und will es im Oktober und November im Theater 111 in St. Gallen zur Aufführung bringen. Die Migrantinnen und Migranten spielen dabei keine eigentlichen Rollen, Maussaux bringt den Briefwechsel in einer chorischen Inszenierung auf die Bühne. «Die Texte aus den Briefen und aus dem Tagebuch werden durch alle Teilnehmer dargestellt. Dadurch kann das Schicksal der zwei Figuren viel stärker zum Ausdruck kommen und ihre tiefen Gefühle bekommen mehr Gewicht», sagt Massaux.

Von den Darstellern hat noch niemand Theatererfahrung, nicht im Heimatland und schon gar nicht in einer Fremdsprache. Die 21-jährige Kurdin Avin Hosseiny ist eine der Darstellerinnen. Sie hat bereits Bühnenerfahrung als Tänzerin bei Volksfesten. Aber das Schauspiel ist neu für sie. «Mein Leben ist manchmal auch wie ein Theater. Ich kann nicht arbeiten und muss immer wieder eine neue Rolle spielen, die die Behörden mir geben. Ich muss einfach mitspielen.» Auf ihre Rolle im Stück von Massaux freut sie sich aber.

Bewusst keine aktuelle Krise thematisiert

Obwohl die Darsteller im Stück selbst teils Traumatisches erlebt haben, hat Pierre Massaux bewusst das Thema des Holocaust gewählt, auch wenn das über 70 Jahre zurückliegt. «Es ist zwar zeitlich weit weg, aber thematisch ist es überhaupt nicht weit weg. Die Thematik von Krieg, Folter, Diktatur bleibt immer aktuell», sagt der Regisseur. Er will nicht moralisierend auf die aktuellen Geschehnisse aufmerksam machen, sondern ist überzeugt, dass das Publikum den Transfer in die heutige Zeit selbst machen wird.

Massaux hat bereits 15 Jahre Erfahrung in der Theaterarbeit mit Migranten. «Integration heisst für mich nicht nur Deutsch lernen», sagt er. «Es bedeutet auch, mit Menschen in Kontakt zu kommen, sich auszutauschen. Die echten Dialoge sind genauso wichtig wie jene im Theaterskript», sagt er. Deshalb wird in seinen Proben nicht nur Text auswendig gelernt und aufgesagt.

«Die Papagei-Taktik ist nicht mein Ding.»

Ihm ist wichtig, dass jedes Wort verstanden wird, auch wenn er am Anfang für drei Zeilen 20 Minuten proben muss. Für beinahe jeden Satz, jeden Ausdruck muss Massaux ein Bild schaffen, um die Bedeutung zu erklären. «Für mich heisst das ­intensive Text- und Erklärungsarbeit. Aber wenn die Darsteller das verstanden haben und man ihrem Spiel anmerkt, dass sie mitfühlen, ist das fantastisch und der Lohn meiner Arbeit.»

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