Kolumne

«Auf ein Wort»-Kolumne: Dieses Wort haben wir von den Österreichern ins Mundart übernommen

Die Mundartkolumne diesmal zu einem besonders kurzen Wort, das sich in den letzten Jahren stark verbreitet hat.

Niklaus Bigler
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Mundartexperte: Niklaus Bigler. Bild: CH Media

Mundartexperte: Niklaus Bigler. Bild: CH Media

Vor vielen Jahren lernte ich in Wien ein gäbiges Wörtli kennen: ee – viel kürzer als soowisoo oder einewääg. Beispiele: Brauchst ned um di Zeidung gee, i muess ee no eikaufn. Ee klooa, klar, das versteht sich von selbst.

Dieses Wörtli gehörte zunächst den Umgangssprachen in Österreich und Bayern an; jetzt hört und liest man es auch bei uns: I goo ee no furt. Nordwärts hat sich ee bis nach Hessen ausgebreitet.

Eigentlich gehört das schon im Althochdeutschen vorkommende ē auch zum schweizerdeutschen Wortschatz, aber in seiner ursprünglichen Bedeutung ‹früher›.

Wer etwas verpasst hatte, bekam im Aargau zu hören: Weerischt ee choo! Ein Zürcher dachte sich: Hett i das ee gwüsst, so hett i s anderst gmacht. Im Berner Mittelland sagte man für ein Wettrennen Weles ee mache (wer ist früher am Ziel). Der Eevoorig war der Drittletzte.

Man sieht, dass dieses ee veraltet ist und sich allenfalls noch in Fügungen gehalten hat, etwa ee as/weder nid (sehr wahrscheinlich). Im Neuhochdeutschen schreibt man eh (eh und je), und oft ist es zu ehe erweitert, vor allem in den Zusammensetzungen ehemals, ehemalig.

Von der Bedeutung her ist e(h) schon ein Komparativ, aber es wurde eine zusätzliche Komparativform gebildet, wie bei besser zu bas, das an sich schon ‹besser› bedeutete.

Aus e(h) wurde so hochdeutsch eher, schweizerdeutsch en(d)er: S nööchst Mool muesch halt eener choo! – Einen anderen Ursprung haben die Bildungen eehaft, eelich, uneelich (gesetzlich, ungesetzlich); sie sind vom Substantiv Ee (Ehe, ursprünglich Gesetz, Vertrag) abgeleitet, das auf althochdeutsch ē, ēwe zurückgeht.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).