«Auf ein Wort»-Kolumne
Mach nid wider alls zunderobsi!

In seiner aktuellen Mundartkolumne erklärt Niklaus Bigler, weshalb ein vermeintlich neues Wort älter sein kann als ein etabliertes.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Für die gleiche richtung gibts in der Schweiz einen Haufen unterschiedliche Bezeichnungen.

Für die gleiche richtung gibts in der Schweiz einen Haufen unterschiedliche Bezeichnungen.

Keystone

Richtungsangaben lauten in der Standardsprache auf -wärts: vorwärts, rückwärts, abwärts, aufwärts (Althochdeutsch -wert, gerichtet). Auch mundartlich werden diese Formen viel gebraucht, allerdings neben fürsi, hindersi, nidsi, obsi.

Die Verhältnisse sind komplizierter, als man zunächst denkt. Nach den Angaben des Schweizerdeutschen Wörterbuches sind die «hochdeutschen» Formen in der Südostschweiz (St. Gallen, Graubünden) erhalten geblieben; in den übrigen Dialekten wurden sie nachträglich durch «schweizerdeutsche» Formen auf -si ersetzt – und kehren jetzt, unter dem Einfluss der Schriftsprache, wieder zurück.

Das scheinbar Ältere ist also jünger, auch wenn es zurzeit eher wieder zurückgeht. Einige Zusammensetzungen sind besonders selten geworden, etwa näbetsi, zur Seite, undersi, hinunter. Die Formen mit -si am Ende enthalten das Pronomen sich. Im Wörterbuch des Zürchers Josua Maaler (1561) steht zum Beispiel: «obsich luogen», «den feynd hindersich treyben [verjagen]».

Einzelne Mundarten haben noch ein eingeschobenes t (hindertsi), in anderen ist das s zu sch (hinderschi) geworden. Wenn nach dem Essen der Magen rebelliert, chunnt alls wider obsi.

Die Fügungen obsi-, nidsigänt beziehen sich auf den Stand des Mondes, während (z)underobsi ‹kopfüber, durcheinander› bedeutet. In vielen Fügungen spielt die Richtung nur noch eine Nebenrolle: Wenn es mit jemandem hindersi goot, ist die Gesundheit gemeint. Mach doch äntli fürsi ist eine Aufforderung zur Beeilung, während sonst fürsi, hindersi mache finanziell verstanden wird. Aber beim Hindersi-Jass macht fürsi, wer am Ende des Spiels am wenigsten Punkte hat.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).