Kolumne

«Auf ein Wort»: Wenn ein Schuldner eine Verlängerung der Zahlungsfrist will, fordert er ein wenig ...

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das aus dem vornehmen Gelehrtenmillieu kommt.

Niklaus Bigler
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Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Unser Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Bild: CH Media

Das Spazieren wurde nicht vom einfachen Volk erfunden, dieses hatte ja im Alltag Bewegung genug. Und das Wort kommt aus dem Gelehrtenmilieu; es wurde im Spätmittelalter aus dem Italienischen entlehnt, aus spaziare. Dahinter steht lateinisch spatiari, abgeleitet aus dem Substantiv spatium (Raum, Zwischenraum).

Im Schweizerdeutschen gibt es dazu einen jüngeren Verwandten, nämlich die Spazig (freier Raum): spatium als Gelehrtenwort des 15. und 16. Jahrhunderts ist als Spaazi(s), Spaaz in die Volkssprache gelangt und hat (in Anlehnung an die Bildungen auf -ung) auch die Form Spazig angenommen. E Brugg mues gnueg Spazig haa, damit zwei Fahrzeuge aneinander vorbei kommen.

Auch ein Schuldner braucht manchmal Spazig, nämlich eine Verlängerung der Zahlungsfrist. Sprachpfleger gab es immer schon. Der Barockdichter Philipp von Zesen bemühte sich, Wörter fremder Herkunft durch deutsche zu ersetzen: Mundart statt Dialekt, Trauerspiel statt Tragödie, Verfasser statt Autor, Abstand statt Distanz, Leidenschaft statt Passion.

Das sind lauter Neuschöpfungen, die sich durchgesetzt haben; andere hat man ihm aus Boshaftigkeit angedichtet, wie den Gesichtserker (Nase). Wieder andere gab es wirklich, werden aber heute belächelt: Jungfern- bzw. Mannszwinger (Kloster), Liebesstein (Magnet), Meuchelpuffer (Pistole), Scheidezeichen (Komma), Lustgetöne (Musik).

Nun, vor vierhundert Jahren konnte man nicht ahnen, dass dereinst auch die Zwölftonkomposition (nicht besonders lustbetont) zur Musik zählen würde. Hingegen hat sich Zesens «Lustwandel» für den Spaziergang bis zu den Klassikern und darüber hinaus gehalten.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).