Annalisa Kuhn: «Auf einmal ging gar nichts mehr»

Annalisa Kuhn (62) hat erfahren, was es heisst, seelisch aus der Bahn geworfen zu werden. Jetzt hat sie ein Buch mit lyrischen Texten veröffentlicht.

Pirmin Bossart
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Annalisa Kuhn, aufgenommen auf dem Balkon ihrer Wohnung im Luzerner Neustadtquartier. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. November 2019)

Annalisa Kuhn, aufgenommen auf dem Balkon ihrer Wohnung im Luzerner Neustadtquartier. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. November 2019)

Eine gepflegte Altbauwohnung im Neustadtquartier Luzern. Kunst an den Wänden, Bücher, Pflanzen. Der Blick geht auf den Pilatus, der grosse Garten hinter der Häuserzeile liegt im Spätherbstlicht. Annalisa Kuhn sitzt am Tisch und erzählt. «Ich wünschte mir, dass die Leute über seelische Erkrankungen reden könnten, wie sie auch über Krebs oder eine andere körperliche Erkrankung reden. Aber das Thema ist noch immer stark tabuisiert.»

Deshalb hat Annalisa Kuhn nach vielen Gesprächen mit der Familie und mit Freundinnen ihr Buch «Im Raum nebenan» veröffentlicht. Sie wollte Gegensteuer geben, ehrlich sein, zu ihrer Persönlichkeit stehen. «In/diesem/Land/die/einzige/Bewohnerin» lautet eine ihrer verknappten Zeilen, die mit wenig Worten sehr viel öffnet. Das Buch versammelt kurze lyrische Wortfolgen und Sätze, die etwas von den Gefühlen und Stimmungen offenbaren, mit denen die Schreibende konfrontiert worden ist.

«Es ist wie ein Coming-out»

Sie sei sich lange nicht sicher gewesen, ob es richtig und sinnvoll sei, mit den Texten an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Annalisa Kuhn. «Ich habe mich lange Zeit geschämt und wollte nicht, dass die Leute von meinem seelischen Leiden erfahren. Aber dann sagte ich mir: Wie sollen die Leute einen anderen Bezug zu psychischen Krankheiten bekommen, wenn sich die Betroffenen nicht äussern und dazustehen?» Also redet sie jetzt darüber. Und ist selber noch ein wenig erstaunt, wie sich das anfühlt. «Es ist wie ein Coming-out.»

Annalisa Kuhn hat die bodenlosen Stimmungen einer seelischen Erkrankung und alles, was damit verbunden ist, selber erfahren. Jahrzehnte lang funktionierte sie ohne Einbrüche, war unternehmungslustig und erfolgreich. Nach ihrer Ausbildung zur Sozialpädagogin studierte sie Theologie, machte Pfarreiarbeit und engagierte sich, stark von der feministischen Theologie und der Befreiungstheologe inspiriert, für die Grünen im Kantonsparlament.

Nach einer Ausbildung zur Supervisorin und Organisationsberaterin wurde sie Leiterin Kommunikation und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bethlehem Mission Immensee. Daneben zog sie mit ihrem Mann drei Kinder gross. «Ich war erfolgreich, weil ich das machen konnte, was ich wollte: Guter Job, Familie mit Kindern, Parlamentsarbeit. Ich war mir sicher: Mit Wille und Engagement erreichst du alles und kannst du leben, wie du es möchtest.»

Das Leben umgestellt

Aber dann, vor mehreren Jahren, hatte sie einen Einbruch. Sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet, hatte keine Anzeichen verspürt. Sie war nur noch erschöpft, alles wurde zu viel, Abgründe öffneten sich. «Es ging gar nichts mehr. Mein bisheriges Lebenskonzept, das immer so gut aufgegangen war, funktionierte nicht mehr.» Ein klassisches Burn-out, ist man versucht zu sagen. «Natürlich», sagt Kuhn, «das wäre bei meinen vielen Tätigkeiten auch nachvollziehbar. Aber es ist komplexer.»

Sie wurde krankgeschrieben, suchte therapeutische Unterstützung. Das ermöglichte ihr, sich mehr Zeit für Malen, Yoga und Zen-Meditation zu nehmen. Als freischaffende Supervisorin wurde sie wieder berufstätig. Geblieben sind diffuse Ängste, welche sie dünnhäutig und verletzlich machen. «Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser psychischen Einschränkung leben muss.» Zeit, Ruhe und Therapie hätten zu einer Verbesserung geführt. «Aber es wird nie mehr werden wie vorher.»

Andererseits hat das radikale Zurückgeworfen werden auf sich selbst neue Dimensionen in ihr entfaltet. «Ich merke, dass ich als Supervisorin empathischer und fokussierter arbeite. Ich kann gewisse Problemstellungen viel gezielter und schneller auf den Punkt bringen.» Auch fällt ihr auf, dass sie viel schneller glücklich sein kann. «Ein gutes halbstündiges Gespräch mit meiner Tochter kann mich extrem erfüllen. Auch wenn es mit der Arbeit gut läuft, empfinde ich ein grosses Glücksgefühl.» Wer nie strauchelt oder sich verloren fühlt, kann solche Nuancen weniger wahrnehmen.

Einfach da sein und aushalten

«Heute/wieder/vom/Leben/überfahren/worden», lesen wir in ihrem Buch. Oder: «Das/Meer/in/mir/läuft/über». Es sei so unendlich schwer, einen seelischen Schmerz zu beschreiben, sagt Kuhn. «Die Texte haben mir geholfen, besser zu erfassen, was eigentlich unfassbar ist.» Vor allem möchte sie mit dem Buch die Leute sensibilisieren, über psychische Befindlichkeiten und Probleme zu reden und seelische Krisen besser zu akzeptieren. Sie sei unendlich dankbar, dass trotz der grossen Belastung ihre Familie und ihr enger Freundeskreis sie nie im Stich gelassen hätten. «Dass es Menschen gibt, die das mit einem aushalten, ist ein Riesengeschenk.»

Die Frage geht uns alle an: Wie sollen wir uns verhalten, wenn ein Freund oder eine Bekannte in eine seelische Krise stürzt? Was hilft den Betroffenen am besten? «Einfach da sein und versuchen, es auszuhalten,» sagt Annalisa Kuhn. «Aber möglichst keine Ratschläge erteilen.» Auch Zuspruch und kleine Komplimente würden helfen. Zum Beispiel: «Ich finde es eindrücklich, wie du das meisterst.» Das – und nicht «reiss dich doch zusammen» – kann Wunder bewirken.

Die Buchvernissage mache sie ziemlich nervös, gesteht Annalisa Kuhn. Sie, die sich trotz besseren Phasen immer wieder aufraffen muss, in Kontakt zu treten, ihren Alltag zu bewältigen. Aber den Mut, sich nicht mehr zu verstellen und die eigene Befindlichkeit zu thematisieren, hat sie schon bewiesen. Krankheit und Begrenztheit seien ein Teil des Lebens, hat sie gelernt. «Wir können vieles nicht beeinflussen. Wir können aber entscheiden, wie wir umgehen damit. Darin liegt unsere Freiheit.»

Hinweis Annalisa Kuhn: Im Raum nebenan. Seelische Grenzerfahrungen. Mit Illustrationen von Irène Näf. db-Verlag, 2019, www.db-verlag.ch Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann portofrei direkt beim Verlag bestellt werden (www.db-verlag.ch) Buchvernissage: Sonntag, 17. November, 10 Uhr, Pfarreisaal St. Paul Luzern