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Auf ins kleine Abenteuer!

Bernard Thurnheer über Autoren, Redner und Lesungen
Bernard Thurnheerbernard Thurnheer
Nicht jedem Autor liegt der Auftritt vor Publikum. Manch einer wirkt gar etwas verloren auf der Bühne. (Bild: Themenbild Getty)

Nicht jedem Autor liegt der Auftritt vor Publikum. Manch einer wirkt gar etwas verloren auf der Bühne. (Bild: Themenbild Getty)

Es waren wirklich interessante Texte, die der Mann, vorne auf der Bühne an einem Tischchen sitzend, vorlas. Die Geschichten, die er vortrug, waren spannend, unterhaltend, informativ, humorvoll und zugleich tiefgründig und regten die Zuhörerschaft zum Denken an. Und so waren denn auch über hundert Leute erschienen, um sich an diesem Abend ein kleines intellektuelles Vergnügen zu leisten.

Eine Sache aber war eher suboptimal. Die Organisatoren hatten einen eher zweitklassigen Redner engagiert. Vorlesen war offensichtlich nicht seine Stärke. Schleppend und in höchst monotonem Tonfall reihte er Satz an Satz, gönnte sich und seinem Publikum weder nach den Punkten noch vor einem neuen Abschnitt eine Pause, sondern fuhr unentwegt und unbarmherzig ohne Rhythmuswechsel über Wörter, Linien und Seiten hinweg. Der zähe Redefluss wurde nur dann unterbrochen, wenn er über ein Fremdwort stolperte oder sonst nach einem Versprecher ein zweites Mal ansetzen musste.

Weil die Geschichten gut waren und er selbst durchaus sympathisch, mag sich bei manch einer der Frauen (sie waren in der Mehrzahl) oder einem der Männer der Gedanke geregt haben, ihm da vorne irgendwie zu helfen. Einige Wörter hatte er ganz eindeutig falsch betont, und vielleicht konnte man ihm dies ja in der Pause irgendwie diplomatisch beibringen für den Fall, dass derselbe Ausdruck an diesem Abend noch einmal vorkäme, oder dann halt für die nächste Lesung an einem nächsten Abend in einem nächsten Ort.

Tatsächlichtauchten im zweiten Teil einige der von mir im Geist beanstandeten Wörter wieder auf, und diesmal war die Aussprache korrekt. Hatte tatsächlich jemand sein Herz in die Hände genommen und den Mut aufgebracht, ihm einen Hinweis zu geben? Wenig später wurde ein Name jedoch erneut falsch ausgesprochen. Alles in allem machte der Vortragende den Eindruck, er habe den Text an diesem Abend überhaupt zum ersten Mal gelesen und vieles, was darin vorkam, nicht wirklich verstanden. Am Ende gab es dennoch einen stürmischen lang anhaltenden Beifall für den Mann vorne am Tischchen. Der berühmte Autor hatte eine gute Stunde lang aus dem Roman vorgelesen, den er selber geschrieben hatte!

PS 1: Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem guten Autor und einem guten Redner, würde ich den Autor vorziehen. Noch besser wäre natürlich beides.

PS 2: Es ist mir trotzdem ein Rätsel, wie Autoren es fertigbringen, so zu wirken, als hätten sie den Text zum ersten Mal vor sich.

PS 3: Ich war schon an einer Vorlesung, an welcher der Autor zu Beginn eine Stoppuhr in Gang setzte und nach exakt 60 Minuten, beim Rasseln des Weckers, mitten im Satz aufhörte. Autoren schreiben offensichtlich lieber, als dass sie vorlesen.

PS 4: Eine Autorin ging mitten in ihrer Lesung plötzlich vom Text in ein «Dann das, la la la, bla bla bla und so weiter» über, übersprang ein paar Seiten und erklärte, die ausgelassenen Passagen gefielen ihr unterdessen überhaupt nicht mehr und sie wolle diese weder ihrem Publikum noch sich selbst zumuten!

PS 5: Fast jede Lesung ist ein kleines Abenteuer, es lohnt sich in jedem Fall, dann und wann hinzugehen.

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