Theaterszene Luzern: Auf zur Menschenschau!

«Die grosse Menschenschau» ist packendes Theater – und noch drei Mal zu erleben im St. Karli Schulhaus Luzern.

Pirmin Bossart
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Es sind machtgierige, widersprüchliche und auch gruselige Figuren, die in «Die grosse Menschenschau» vorgeführt werden: Real existierende Personen aus der Welt der Wirtschaft, der Politik oder der Unterhaltungsindustrie, die uns mit ihren Milliardengeschäften, Manipulationsstrategien und oft menschenverachtenden Optimierungsplänen das Fürchten lernen.

Diese Charaktere mit ihren verunstalteten Gesichtern sind in verschiedenen Zimmern des St. Karli Schulhauses anzutreffen. Da sitzen sie oder tigern herum und erklären, was sie denken, wie ihre Welt aussieht und was sie antreibt. Zu ihnen gehört etwa der Holländer John de Mol, der mit «Big Brother» das Reality TV etabliert hat und mit seinem Businessmodell die vielbeschworene Menschenwürde bis zum Zynismus strapaziert.

Brillante Monologe

Oder die amerikanische Mäzenin Rebekah Mercer der milliardenschweren Mercers Stiftung. Sie finanzierte den Wahlkampf von Donald Trump und unterstützt Organisationen, die den Klimawandel negieren. Wir begegnen Giganten der Finanzwirtschaft wie Paul Singer oder Larry Fink, die skrupellos der Logik der Ökonomie folgen. Erleben Abu Bakr Naji, der als Stratege des Islamischen Staats (IS) Horror gesät hat. Oder die Chinesin Hu Tao, die mit «ihrem «Sozialkreditsystem» eine ganze Nation überwacht.

Die realen Personen und ihr Umfeld wurden vom Theatermacher und Autor Christoph Fellmann recherchiert und ihre Typologien zu brillanten Monologen verdichtet. Diese sind jetzt auch als Buch erschienen. Man ist froh darum, verpacken sie doch eine Menge an Information und Zusammenhängen, die man gerne vertieft. In der «Menschenschau» sind bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler der freien Theaterszene Luzern engagiert. Es sind kurze Interventionen, die unter die Haut gehen. Wer mal eine Pause braucht, kann auch aussetzen, einen Kaffee trinken und sich am Kuchenbuffet bedienen. Die Besucherinnen und Besucher können frei durch die Ausstellungsräume zirkulieren und auswählen, was und wieviel sie sehen wollen.

«Die grosse Menschenschau» ist eine Gemeinschaftsproduktion von Theaters Aeternam, Fetter Vetter & Oma Hommage. Seit der Premiere im September 2018 sind im St. Karli Schulhaus 15 Aufführungen durch die Räume gegangen. Diese Woche ist dieses einzigartige Format zum letzten Mal zu sehen. Gut möglich, dass «Die Grosse Menschenschau» dereinst im Schulhaus einer anderen Stadt für Gänsehaut sorgen wird.

Weitere Aufführungen: 5./6./7. September, 20. bis 22.30 Uhr, St. Karlischulhaus Luzern. www.menschenschau.ch

Christoph Fellmann: Die grosse Menschenschau. Essais agités, 111 Seiten, 2019