Aufstieg des Luzerner Sinfonieorchesters in die Königsklasse

James Gaffigan und das Luzerner Sinfonieorchester sind ein Highlight im KKL und in Amsterdam.

Urs Mattenberger
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James Gaffigan dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester im KKL.

James Gaffigan dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester im KKL.

Bild: Corinne Glanzmann (15. Januar 2020)

Das Luzerner Sinfonieorchester schaffte es diese Woche auf der Homepage des Concertgebouw Amsterdam auf den ersten Platz unter den «Highlights». Unter diesen nämlich wurde das gestrige Gastspiel erstmals eingereiht – in einer Reihe mit Konzerten des Concertgebouw- und internationaler Gastorchester. Das dritte Gastspiel der Luzerner schaffte damit den Aufstieg in die Königsklasse in einem der prestigeträchtigesten Konzerthäuser der Welt, wo seine beiden früheren und offensichtlich erfolgreichen Auftritte noch in der Reihe «Discovery» geführt worden waren.

Ein Highlight? Davon konnte sich das Luzerner Publikum bereits am Mittwoch bei der Aufführung desselben Programms im Konzertsaal des KKL überzeugen. Auf dem Programm stand mit Tschaikowskys sechster Sinfonie und einem Cellokonzert von Prokofjew russische Musik, die Gaffigan in Luzern wegen der beispiellosen Klangpalette, die sie bietet, besonders favorisierte.

Grosssinfonik ohne Bombast

Dass Gaffigan solche Werke in seinen beiden verbleibenden Saisons in Luzern dirigiert, hat insofern auch für die Klangkultur und die Entwicklung des Orchesters programmatischen Charakter. Denn gerade in diesem Repertoire kann das Luzerner Sinfonieorchester beweisen, wie es sich zur Grosssinfonik entwickelt, ohne die angestammten kammerorchestralen Qualitäten zu vernachlässigen. Es sei ein Missverständnis, sagte Gaffigan im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es für russische Werke riesige Orchesterapparate brauche: «Ich suche im russischen Repertoire nach Klarheit und Transparenz. Man verpasst sonst diese funkelnd instrumentierten Momente. Zu denken, grösser ist besser, ist ein Trugschluss.»

Tschaikowskys «Pathétique» löste nach der Pause solche Ansprüche exemplarisch ein. Trotz Grossbesetzung, die man wohl auch in Amsterdam erwartet, spielten die Luzerner das einleitende Adagio mit federnder Spannung und feinem dunklem Strich wie gross besetzte Kammermusik.

Als im weiteren Verlauf die erste Blechbläser-Welle hochbrandete und den satten Streicherklang überrollte, wechselte Gaffigan nicht einfach über zum grosssinfonischen oder gar zu einem bombastischen Klang. Das breit ausgesungene, lyrische Thema gewann in den Streichern an Volumen, noch bevor dieses durch Lautstärke monumental überhöht wurde. Und auf dem dramatischen Höhepunkt des Satzes fand das Orchester zu überwältigender Schlagkraft, ohne an Konturenschärfe und Transparenz einzubüssen.

Diese ausgeprägte Kontrast- und Steigerungsdramaturgie übertrug sich auf das ganze Werk. Gaffigan beliess dem Walzer im doppelbödigen Fünf-Achtel-Takt eine natürlich fliessende Grazie, peitschte im dritten Satz die Marschrhythmen wie mit dem Hammer hoch, und bewahrte doch den Klängen, wo sie wie im Auge eines Taifuns tosten, klare Konturen. Die ganze, gespenstisch erweiterte Klangpalette verhalf dem todesnah verlöschenden Abgesang zu tief bewegender Wirkung.

Festivalkünstler als Solist

Im Vergleich dazu blieb Prokofjews Sinfonia Concertante für Cello und Orchester ein vergleichsweise unverbindliches Vorspiel. Das lag freilich weder am Orchester, das agil und detailscharf begleitete, noch am Solisten, sondern eher an einem Werk, das viele schöne und auch witzige Stellen etwas beliebig und weitläufig aneinanderreiht.

Der österreichisch-iranische Cellist Kian Soltani hatte sich vor zwei Jahren als Gewinner des Credit Suisse Young Artist Award am Lucerne Festival vorgestellt. Und dass dieser auch in seinem Fall eine grosse Karriere befördern dürfte, bewies sein Auftritt jetzt mit dem Luzerner Sinfonieorchester: Den Kantilenen verlieh er ohne Druck eine schwärmerische Expressivität, und die virtuosen Eskapaden meisterte er nicht nur souverän, sondern gewann ihnen mit tänzelnder Leichtigkeit und impulsiven Gesten ein Höchstmass an musikalischem Ausdruck ab.