Osterfestival Andermatt: Aus dem Kleinen entfaltet sich das Grosse

Das Ensemble Corund ist einer der Gesangs-Edelsteine Luzerns. In Andermatt und in Luzern spielen sie die Passionen von Bach in zwei Räumen, die völlig unterschiedlich klingen.

Roman Kühne
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Aufführung der Matthäuspassion mit dem Ensemble Corund in der Kirche St. Peter und Paul in Andermatt. (Bild: Peter Fischli, Andermatt, 19. April 2019)

Aufführung der Matthäuspassion mit dem Ensemble Corund in der Kirche St. Peter und Paul in Andermatt. (Bild: Peter Fischli, Andermatt, 19. April 2019)

Man kann es vorwegnehmen: Es ist wohl eine der ergreifendsten und besinnlichsten Aufführungen der Johannespassion, die Luzern in den letzten Jahren erlebte. Umso erfreulicher, dass eine einheimische Gruppe sich dafür verantwortlich zeigt. Das Ensemble Corund unter der Leitung von Stephen Smith sang am Mittwoch das österliche Spiel von Johann Sebastian Bach in der Maihof­kirche. Dabei griffen sie auf die zweite Fassung von 1725 zurück, in welche der Kantor mehrere spektakuläre Arien zusätzlich einfügte.

Aber das Spezielle der Aufführung des Ensembles Corund ist nicht die Wahl der Ausgabe, sondern dass sie die Passion mit einem Solistenensemble von nur acht Personen singen. Eine Anzahl, die in der Aufführungspraxis durchaus ihre historische Berechtigung hat. Auch wenn natürlich gross besetzte Spielweisen keine Seltenheit darstellten. So hat bereits Händel die Johannespassion 1829 mit 159 Sängerinnen und Sängern bestückt.

Satte Klangkraft

Aus der Intimität der Corund-Aufführung steigt am Mittwoch ein ganz eigener, umsichtiger Geist. Dies hat weniger mit dem Volumen zu tun. Die acht professionellen, exzellent aufsingenden Sängerinnen und Sänger erreichen locker eine satte Klangkraft. Dennoch gibt die solistische Auslegung der Partitur den Linien eine grosse Transparenz und Schlankheit. Eine Luft und einen Raum, in welchem die Stimmen und Klänge aus Chor und Orchester sich frei und ebenmässig entfalten können. Die Sänger, praktisch ohne Vibrato, ausgeglichen in der Balance und mit klingender Höhe, geben in ihrer Gestaltung den Figuren und Handlungen ein lebendiges Gesicht. Zum Beispiel, die Tutti-Stelle in «Flieht – Wohin», welche wie eine Glocke stehen bleibt. Die Klarheit des Tones, die Sichtbarkeit der Struktur schafft selbst in der grossen Maihofhalle Nähe und Intimität.

Kerniger Jesus

Immer wieder treten die Sänger auch solistisch auf. Der Tenor Zacharie Fogal singt den Evangelisten mitfühlend, stimmlich schlank und intim. Oder der Bassbariton Ekkehard Abele ist ein kerniger Jesus mit tragender Stimme. Das Barockorchester, ausgezeichnet besetzt unter anderem mit Viola da Gamba und Violone, begleitet sensibel und achtsam. Das Spiel der Basso-Continuo-Gruppe in den Rezitativen ist aufmüpfig und inspirierend. Die Solisten auf Flöten und Oboen interpretieren auf ihren schwierigen historischen Instrumenten lebendig und erquickend. Vor allem aber gelingt dem Dirigenten Stephen Smith, der das Ensemble von der Orgel aus leitet, eine perfekte Mischung zwischen Dramaturgie und Sinnlichkeit. Eine Gestaltung im Kleinen, die im Grossen wirkt.

Barock und üppig

Am Karfreitag dann interpretiert das Ensemble Corund noch die Matthäuspassion in Andermatt. Im Rahmen des Swiss Chamber Music Circle erklingt die Bach’sche Frühfassung von 1729 in der Dorfkirche St. Peter und Paul. Ein spannender Kontrast. Denn die beiden Räume unterscheiden sich stark auf der akustischen Ebene. Der Maihof in ­Luzern ist für diese kleine ­Formation eine eher trockene Umgebung. Jeder Ton, jede Lautstärkennuance ist hörbar, das Konzert im Kleinen sehr lebendig. Die Kirche in Andermatt hingegen ist nicht nur üppig in ihrer barocken Schmückung, sondern auch klanglich opulent.

Das Ensemble Corund folgt hier ebenfalls den historischen Informationen, interpretiert mit separaten Orchestern und Solisten links und rechts. Aber die acht Sängerinnen und Sänger entfalten mehr Breitenwirkung. Die Aufführung klingt chorisch und dichter. Was an Nuancen etwas auf der Strecke bleibt, macht die umhüllende Fülle des Klanges mehr als wett. Die Solisten überzeugen auch in dieser tragenden Akustik, etwa die Sopranistin Sara Jäggi mit ihrem schlanken, reinen und innigen Sopran oder die Altistin Annina Haug in ihrer vollen und runden Interpretation von «Buss und Reu». Zwei Einstimmungen auf die Ostertage, wie man sie sich nicht besser wünschen könnte.

Osterfestival Andermatt beendet das Festival mit den Sala Singers (Ostersonntag um 19.30 Uhr) und den zehn Solobläsern der German Brass (Montag, 22. April, um 19 Uhr).