Aus der Grösse das Leise schaffen: Profimusiker und Studenten stehen in Luzern gemeinsam auf der Bühne

Das Luzerner Sinfonieorchester und die Junge Philharmonie Zentralschweiz unterwegs zur Grosssinfonik.

Roman Kühne
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Sorgte für ein intimes Rendezvous: Solooboistin des Sinfonieorchesters Andrea Bischoff.

Sorgte für ein intimes Rendezvous: Solooboistin des Sinfonieorchesters Andrea Bischoff.

Bild: Patrick Hürlimann (Luzern, 29. Januar 2020)

Hier prallen Welten aufeinander. Leiseste Töne und lautes Getöse. Viel Leere und dicht gefüllte Räume. Es ist ja das proklamierte Konzept des Luzerner Sinfonieorchesters, diesen Spagat zwischen grosssinfonischen Werken und kammermusikalischer Qualität zu fördern und formen. Am Konzert vom Mittwochabend im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) werden diese gegensätzlichen Pole par excellence vorgeführt, in der Werkauswahl und in der Interpretation. Im Rahmen des Musikfestivals Szenenwechsel der Hochschule Luzern spielen die Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters mit den Studenten der Jungen Philharmonie Zentralschweiz.

Es stehen also quasi zwei Orchester auf der Bühne. Praktisch alle Pulte, vom Konzertmeister bis hin zur Perkussion, sind mit je einem Mitglied der jeweiligen Orchester besetzt. Für die Studenten eine gute Gelegenheit, den langjährigen Profis genauer auf die Finger zu schauen. Für die Profimusiker ein Moment, um vielleicht etwas den Nachwuchs zu inspizieren.

Nach der Stille ein üppiger Höhepunkt

Am Anfang des Konzertes stehen ganz leise Töne – passend zum Konzertmotto «Beredtes Schweigen», das das Festivalthema «Stille» aufgreift. Die «Variationen für Orchester op. 30» von Anton Webern sind eine musikalische Reduktion. Das Mischorchester auf der Konzertsaalbühne ist zwar gross besetzt. Der russische Dirigent Dmitry Sitkovetsky zeichnet das Stück jedoch in all seiner Leere und Schlankheit. Hält die Lautstärke konstant am unteren Limit. Nur die kurzen, einbrechenden Schläge kontrastieren mit dem leichten Orchester. Es ist ein ruhiger, teils fast stiller Fluss, ein sachter Wechsel zwischen den verschiedenen Solisten und dem Gesamtensemble.

Einen Gegensatz, wie er grösser kaum sein könnte, bietet hierzu das Oboenkonzert von Richard Strauss. Üppig, romantisch und sinnlich. Und es ist zugleich der musikalische Höhepunkt des Abends. Andrea Bischoff, seit 1997 Solo-Oboistin des Luzerner Sinfonieorchesters, spielt die weiten Linien hervorragend und schlüssig. Singend und mit grossem Fluss zeichnet sie ein intimes Rendezvous mit farbigen und doch sensiblen Momenten. Das Orchester ist ein grossartiger Dialogpartner.

Eine Ahnung von grosser Sinfonik

Nach der Pause ist dann grosse Sinfonie angesagt. Die mächtig besetzte und nach entsprechend vielen Streichern verlangende achte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. 1943 komponiert, schwankte ihre Deutung zwischen «Spiegel des Kriegsgrauens» und «Darstellung des individuellen Leidens». An diesem Abend rückt Dmitry Sitkovetsky die zweite, stillere Lesart ins Zentrum. Nicht die Grossmacht des Krieges, sondern der Schmerz, das persönliche Erleben und damit die nachdenkliche Stille gibt seiner Aufführung Kraft und Richtung. Er nützt die grosse Zahl der Musiker, um vor allem die leisen Momente intensiv zu gestalten. Der erste Satz ist so ein kleines Wunder. Aus dem Nichts drängen die tiefen Streicher in den Saal. Unerbittlich marschiert der einsetzende Rhythmus. Fern zieht die hoffnungsvolle Melodie der ersten Violinen, distanzierter Hauch einer Freiheit, die vielleicht in Zukunft möglich wäre.

Grosse Teile spielen die Musiker im Piano bis Pianissimo, stecken die Doppelbödigkeit aus Schmerz und Hoffnung sorgsam ab. In den lauten Stellen wird die mächtige Besetzung ausgereizt. Die giftigen Holzbläser und die wuchtigen Blechregister entfalten ein kräftiges Volumen.

Dies gibt eine Ahnung davon, wie ein grosssinfonisch besetztes Luzerner Sinfonieorchester das KKL zum Beben brächte. Doch an diesem Abend, in der Mischung aus Orchestermusikern und Luzerner Studenten, sind die Balance und die Intonation in den lauten Stellen teils zu unausgeglichen. Es fehlt der letzte Zwick an Spritzigkeit und Prägnanz, um dem Toben seinen ganzen Effekt zu geben.

Am Schluss fällt der letzte Bombast in sich zusammen. «Morendo» schleicht sich die Musik aus dem Saal. Ein Hoffnungsschimmer nach dem überstandenen Kriegsgrauen und ein Versprechen, auch für weitere grosssinfonische Aufführungen hiesiger Kräfte im KKL.

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