Türkisches Drama im Kino: Aus einer Männerwelt in Anatoliens Bergen

In «A Tale of Three Sisters» zeigt Regisseur Emin Alper bildgewaltig drei Frauenleben in einer archaischen Bergwelt.

Geri Krebs
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Szene aus dem Drama «A Tale Of Three Sisters».

Szene aus dem Drama «A Tale Of Three Sisters».

Bild: PD

Ein Auto fährt rasant eine enge und kurvenreiche Passstrasse hoch. Am Ziel angekommen, öffnet sich ein weites Hochplateau mit einem kleinen Dorf im Zentrum. Vor einem der ärmlichen Häuser hält das Auto. Ihm entsteigt der Fahrer und ein Mädchen, das dem aus dem Haus getretenen, älteren Mann mit untertäniger Geste die Hand küsst und dann gleich weiter ins Haus geht – während der ältere Mann zum Fahrer sagt: «Mein Beileid, Herr Turan.»

Willkommen im zentralanatolischen Hochland! Der ältere Mann ist der Witwer Sevket, ein armer Kleinbauer, froh darüber, dass seine jüngste Tochter Havva eine Stelle als Kindermädchen in der Stadt gefunden hatte. Doch das ist vorbei, das Kind der Familie verstarb. Bereits Havvas Schwester Reyhan kehrte aus der Stadt zurück. Dies wegen ihrer Schwangerschaft, weshalb sie zwecks Abwendung einer «Schande» eiligst mit dem Schafhirten Veysel verheiratet wurde. Nun ist das Baby da und Havva freut sich, dass sie der Schwester helfen kann.

Bei Vater Sevket ist die Freude gedämpft, und wird noch kleiner, als auch die 16-jährige Tochter Nurhan wieder dasteht. Sie hatte in der Arzt-Familie Necati gearbeitet, doch sie wurde weggeschickt, weil sie keine Geduld mit dem bettnässenden Sohn hatte. Der dritte Film des 1974 in Ermenenk, einem 11000-Seelen-Städtchen in den Bergen Zentralanatoliens, geborenen Emin Alper ist ein sich langsam entwickelndes Drama mit einer so raffinierten wie vertrackten Ausgangslage. In sorgfältig komponierten Einstellungen, die in ihrer Perfektion an Gemälde niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts erinnern, kontrastiert dabei das grandiose Panorama der idyllischen Berglandschaft mit der Düsternis und der Enge der Innenräume. Dort scheinen die drei jungen Frauen gefangen, derweil die Männer sich draussen frei bewegen, allen voran Veysel, der auch unbedingt weg will von hier.

Vergnügtes Fabulieren in Märchenform

Emin Alper und sein Kameramann Emre Erkmen haben ästhetisch und erzählerisch einiges mit Nuri Bilge Ceylan gemeinsam, der spätestens 2014 mit seiner Goldenen Palme in Cannes 2014 für «Winter Sleep» zu etwas wie dem Übervater des türkischen Arthousekinos geworden ist. Dabei hat «A Tale of Three Sisters» aber nicht die dramatische Kraft von Ceylans Filmen und es fehlt ihm auch der leise Optimismus, der andere türkische Filme über das Los von Frauen in ländlichen Regionen mit ihren extremen patriarchalischen Gewaltverhältnissen kennzeichnete, wie 2015 das oscarnominierte Drama «Mustang» von Deniz Gamze Ergüven oder «Sibel» des türkisch französischen Regieduos Cagla Zencirci/ Guillaume Giovanetti.

Doch im Gegensatz zu diesen Filmen erzählt Emin Alper ein «Tale». Und in Märchen wird bekanntlich drauflos fabuliert und das tut dieser Film mit grossem Vergnügen.