AUSGEZEICHNET: Musizieren «von Mensch zu Mensch»

Für seine Kammermusik-Reihe erhielt Gerhard Pawlica den Kunstpreis der Stadt Luzern: Ein Gespräch zum Jubiläumsstart.

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Verhalf Luzern zu einem neuen Konzertsaal: Gerhard Pawlica mit seinem Cello auf der Empore des Marianischen Saals. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Verhalf Luzern zu einem neuen Konzertsaal: Gerhard Pawlica mit seinem Cello auf der Empore des Marianischen Saals. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Urs Mattenberger

Preise stellen Künstler, die abseits der grossen Bühnen spannende Arbeit machen, prominent ins Scheinwerferlicht. Oder honorieren umgekehrt breitenwirksames Schaffen. Im Fall des Cellisten Gerhard Pawlica (63), dem am 22. November der diesjährige Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern überreicht wird, kommt beides zusammen.

Im Gespräch im Restaurant Rebstock bringt er beides in einem einzigen Satz auf den Punkt. «In Filmmusik kann man schwelgen wie bei Brahms», schwärmt er und spricht beide Bereiche an, in denen er aktiv ist. Das grosse Publikum kennt ihn aus den Konzerten des 21st Century Symphony Orchestra, wo Pawlica die Cellogruppe anführt. Sein eigenes Ding ist die Gesellschaft Kammermusik im Marianischen Saal. Dass morgen deren 20. Saison startet, macht die mit 25 000 Franken dotierte Auszeichnung zu Recht zum Jubiläumsgeschenk. Denn die Gründung einer Kammermusikreihe, die mit «renommierten Ensembles aus der Schweiz und dem Ausland» den 200 Plätze fassenden Marianischen Saal regelmässig füllt, war eine Pioniertat in Luzern.

In Luzern sind alle Wege kürzer

Hierher kam der gebürtige Münchner nach dem Studium als Solocellist des Luzerner Sinfonieorchesters. Und auf grossen Bühnen zu Hause war er erst recht, als er als Solocellist zu den Münchner Philharmonikern wechselte und unter Sergiu Celibidache prägende Eindrücke erfuhr. «Celibidache polarisierte mit Sprüchen wie dem, dass Karajan nur ‹Coca-Cola› sei», lacht Pawlica im gemütlichen Bayernakzent: «Aber die Intensität, mit der er an Interpretationen feilte, war atemberaubend.»

Weil seine Familie in Luzern blieb, verliess er nach fünf Jahren den Traumjob und wurde definitiv in Luzern heimisch. Fiel ihm der Wechsel in die Provinz schwer? «Nein», schmunzelt er, «im Orchesteralltag begannen sich Dinge doch zu wiederholen. Und der ländliche Charakter Luzerns hat grosse Vorteile. Man kennt einander, und alle Wege sind kürzer: räumlich, von einer Institution zur anderen, aber auch von Mensch zu Mensch.»

Die Nähe von Mensch zu Mensch: Das klingt wie eine Definition von Kammermusik. Die Idee zu einer Kammermusikreihe entstand aus Kontakten, die sich aus Pawlicas Unterrichtstätigkeit an der Musikschule Luzern ergaben. Der Denkmalpfleger Georg Carlen gab ihm den Tipp für den Marianischen Saal, der 1996 durch den Umzug des Staatsarchivs frei wurde. Private Stiftungen, die bis heute treu geblieben sind, ermöglichten die Reihe finanziell. Die Alice-Bucher-Stiftung verhalf dem neuen Konzertsaal mit einem Flügel zum üblichen Standard. Und Ursula Jones-Strebi führt die Starthilfe ihrer Mutter Maria Strebi weiter, indem sie junge, preisgekrönte Ensembles aus England in den Marianischen Saal vermittelt. Ein solches ist im Eröffnungskonzert auch das «Marian Consort», das in grösserer Besetzung Werke aus Renaissance und Frühbarock singt und spielt.

Viel versprechende Experimente

«In der Kammermusik gibt es unglaublich viel tolle Musik», begründet Pawlica sein Engagement und seine Leidenschaft, «und sie haut einen umso mehr um, je näher man als Zuhörer dran ist.» Auch deshalb schätzt er das «Juwel» des Marianischen Saals, experimentierte aber auch andernorts mit unkonventionellen Formationen, um ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Das prominenteste Beispiel dafür waren die Gastspiele der in Berlin erfolgreichen Yellow Lounges im Casineum. Ein Klassik-Mix von einem DJ, Visuals und ein Live-Act ermöglichten die Nähe von Mensch zu Mensch auch unter den Besuchern. Wieso führte Pawlica diese Reihe nicht weiter? «Das hatte vor allem finanzielle Gründe. Klassik-affinen Sponsoren war das eher fremd, anderen dagegen zu ‹klassisch›», bedauert er.

Fussball-Euphorie ganz intim

Angst um die Zukunft der Kammermusik hat der umgängliche Musiker, der in den «Feierabend-Konzerten» mit Luzerner Musikern auch selber auftritt, dennoch nicht. «So wie viele nach 30 den Einstieg in die Klassik über Orchesterkonzerte finden, beginnen sich um 50 manche von ihnen für Kammermusik zu interessieren», ist sein Eindruck. Das zeigt der Abo-Stamm im Marianischen Saal, in dem es in 20 Jahren etliche Abgänge gab, der dank der Neuzugänge aber stabil (gut 100) bleibt.

Was Pawlica ein wenig vermisst, zeigt ein Vergleich mit den Filmvorführungen des 21st Century Orchestra, wo ihn die Begeisterungsfähigkeit des jüngeren Publikums beeindruckt. «Natürlich spürt man auch im Marianischen Saal, wenn die Leute begeistert oder ergriffen sind. Aber die Intimität lässt fussballmässige Euphorie natürlich nicht zu. So oder so gehört ausgedrückte Freude für mich mit zu einem starken Konzerterlebnis.»

Hinweis

Eröffnungskonzert: morgen, 17 Uhr, Marianischer Saal, Luzern (Marian Consort). www.kammermusik-luzern.ch

Übergabe des Kunst- und Kulturpreises: 22. November, Luzerner Theater