AUSSTELLUNG: Das Plakat lebt immer noch

Am Welt­format-Festival in Luzern dreht sich alles ums Plakat. Erstaunlich, dass es den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft hat.

Michael Graber
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Für das Weltformat-Festival haben sich
Grafiker mit dem Thema Lust beschäftigt. (Bild: pd)

Für das Weltformat-Festival haben sich Grafiker mit dem Thema Lust beschäftigt. (Bild: pd)

Mussten die alten Römer etwas bekannt machen, so schrieben sie es auf einen Bogen Papier und befestigten diesen an einer Tafel. So wurde die Bevölkerung über neue Gesetze und natürlich auch Festivitäten (zum Beispiel Vorführungen im Kolosseum) informiert. Sie machten also eigentlich nichts anderes, als Plakate anzubringen, wie sie auch noch heute dutzendfach in den Strassen hängen. Auf Werbetafeln, Litfasssäulen, in Schaufenstern und an Wänden.

Mittlerweile findet man zwar selten Gesetze und andere höchst wichtige Bekanntmachungen darauf, aber als Werbeträger hat das Plakat immer noch seinen Platz. Diese Woche läuft in Luzern das Weltformat-Festival (siehe Box), das sich mit Plakaten beschäftigt und auseinandersetzt. An diversen Ausstellungsorten kann man unterschiedliche Werke betrachten. Im Gegensatz zur oft etwas plumpen Werbung haben die Plakate, die am Weltformat ausgestellt sind, oft auch einen ästhetischen Anspruch, und nicht selten findet man sogar richtige kleine Kunstwerke.

Funktionen verändert

Wobei «klein» eigentlich der falsche Ausdruck ist: Gerade das Format im Alltag macht Plakate so unverkennbar. Und die Grösse ist wohl auch einer der Gründe, warum sich das Plakat auch Hunderte von Jahren nach den Römern immer noch nicht totgelaufen hat.

Einer, der sich auskennt mit Plakaten, ist Felix Pfäffli. Der Luzerner gestaltet unter anderem für das Kulturhaus Südpol die Plakate, hat für seine Werke bereits mehrere Preise gewonnen und rund um den Globus (unter anderem in Paris und Japan) ausgestellt. «Die Funktionen der Plakate haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert», so Pfäffli. Während ein Plakat früher das einzige Werbemittel war, ist es heute nur noch eines von vielen. Das habe die Regeln verändert, «heute muss ich nicht mehr ein Produkt direkt abbilden, sondern kann viel kreativer arbeiten».

Sowieso schätzt Pfäffli beim Arbeiten die Kreativität: «Anders als bei vielen anderen Arbeiten, die ein Grafiker macht, nimmt beim Plakat nicht die Umsetzung die meiste Zeit ein, sondern wirklich der kreative Prozess.» Auch habe man die Möglichkeit, sich selber als Person stärker einzubringen: «Bei einer Homepage zum Beispiel kann ich meine eigenen Ideen viel schwerer verwirklichen, da die Normen klarer sind», sagt Pfäffli.

Eigentlich Infos vermitteln

Für seine preisgekrönten Plakate für den Südpol setzt der junge Grafiker vor allem auf Typografie. Oft wird der Name der Band künstlerisch umgesetzt. Ein anderer Grafiker sagt über die Plakate von Pfäffli: «Sie sind ja wirklich schön, aber eigentlich sollte Grafik Information vermitteln, und genau das macht er nicht.» Pfäffli ist darüber nicht beleidigt: «Erstens stimmt das so nicht ganz, und andererseits ist der Anspruch an diese Plakate ein ganz anderer.» Nicht das Bewerben der Konzerte alleine stehe im Vordergrund, sondern auch das Gesamtpaket. Etwa dass die Konzertbesucher nachher ein schönes Plakat erstehen können, das sie an den Event erinnert.

Pfäffli ist am Weltformat auch in der Jury. Zusammen mit Kollegen hat er die 100 besten Plakate des letzten Jahres gekürt. «Das Schöne am Medium Plakat ist, dass man sehr schnell sieht, ob jemand seinen Job beherrscht oder nicht.»

Das Geheimnis sei immer Reduktion und Vereinfachung. Vielfach sehe man überladene Plakate, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. «Und ganz ehrlich: Die Mehrheit der Plakate, die man auf der Strasse sieht, sind weder effektiv noch gut gestaltet», sagt Pfäffli. Oft sind sie nur Mittel zum Zweck, um ein Produkt bekannt zu machen, und ästhetische Ansprüche müssen da hintanstehen.

Wandel möglich

Angst, dass das Plakat bald verschwindet, hat der Luzerner Grafiker, der mittlerweile auch an der Fachklasse Grafik Luzern doziert, nicht: «Überflüssig wird es sicherlich nicht. Vielleicht wird es in Zukunft animiert sein. Oder sogar gewissweit ‹intelligent› und auf die Umgebung reagieren können.» Allen anderen Werbemitteln könne man sich irgendwie entziehen, etwa indem man nicht fernsehe. «Dem Plakat entkommt man aber nicht», sagt Pfäffli.

Wert hochhalten

Entziehen muss man sich aber keineswegs. Wie die Weltformat-Ausstellung zeigt, gibt es durchaus Plakate, die man nicht nur auf der Strasse gerne sieht, sondern sich auch daheim in die Stube hängen würde. Und wenn dieser Wert hochgehalten wird, dann werden wohl auch in einigen hundert Jahren, allen Tablets und Smartphones zum Trotz, noch irgendwelche Plakate hängen.

Es ist eben wie so oft: Vieles, was die Römer erfanden, ist tatsächlich irgendwie clever.