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AUSSTELLUNG: Die Kultur geht zu Bruch

Das Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne zeigt rund 40 Arbeiten des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Seine Kunst überzeugt sowohl in grossen Installationen wie auch mit kleinen, zarten Objekten.
Martin Preisser
Ai Weiwei auch im Zoologie-Museum: Sein Winddrache symbolisiert individuelle Freiheit. (Bilder: Martin Preisser)

Ai Weiwei auch im Zoologie-Museum: Sein Winddrache symbolisiert individuelle Freiheit. (Bilder: Martin Preisser)

Martin Preisser

kultur@luzernerzeitung.ch

Aus Legosteinen setzen sich drei Fotografien zusammen, die den Künstler Ai Weiwei zeigen, wie er verpixelt eine Vase aus der Han-Dynastie fallen lässt. Ein starkes Symbol für die Gefährdung von Kultur, nicht nur in China. An ­dieser Arbeit werden zwei künstlerische Strategien deutlich: die überraschende Verfremdung durch ungewohnte Materialien und die Selbstinszenierung des Künstlers. Ungewöhnlich dann auch an einer anderen Arbeit, dass Ai Weiwei, der mit seinem neuen Film «Human Flow» den Umgang mit der Migrationskrise thematisiert, Szenen des Flüchtlingselends auf zuerst harmlos, ja fast bieder wirkenden blau-weissen Prozellantellern darstellt.

Ai Weiwei, letztmals 2004 in der Schweiz gezeigt und inzwischen zum globalen Künstler avanciert, ist ein gewiefter, geschickter Stratege, der Wirkung mit direkten, eindringlichen Ideen und vor allem ganz unmittelbar eingesetzten Materialien erzielt. Dieses Strategische wird ihm manchmal vorgehalten. Bewegt man sich in Lausanne in ­seinen Installationen, hat diese Kunst aber Kraft, die in der Ruhe liegt, eine geheimnisvolle Eindringlichkeit. Gewiss, Ai Weiwei lockt erst einmal mit «Oberfläche», um dann doch grosse Assoziationsräume anzubieten.

Porzellan mit politischer Aussage

Ai Weiwei platziert in den Räumen des Kunstmuseums brisante Themen auf Teppichen und Tapeten. 35 Bodenplatten aus Porzellan («Blossom») bilden eine Fläche, die nicht einlädt, sondern den Besucher fast in ehrfurchtsvoller Distanz hält. Die Arbeit ­bezieht nicht nur alte handwerkliche Traditionen Chinas ein, sondern symbolisiert auch eine Episode chinesischer Geschichte, erinnert an die tragische Hundert-Blumen-Bewegung 1957. Das Porzellan-Beet strahlt etwas Sakrales, Wertvolles, aber auch beunruhigend Erstarrtes aus.

Höhepunkt ist sicher die Installation «Sunflower Seeds». Zehn Tonnen Sonnenblumenkerne aus handbemaltem Porzellan hat Ai Weiwei auf dem Boden ausgestreut: jedes Individuum ein eigener Wert und zugleich Formen, die zu Massenware verkommen sind. «Die Bedeutung der Arbeit hat nichts mit ihrer Erscheinung zu tun», sagt Ai Weiwei. «Was man sieht, ist nicht das, was es bedeutet. Und wenn das, was man sieht, nicht das ist, was es bedeutet, dann gibt es da einen Widerstreit.» In diesen ­Widerstreit führen nicht wenige Arbeiten der Ausstellung, zum Beispiel auch eine ornamentale Tapete mit goldenen Überwachungskameras und Handschellen. In dieser Möglichkeit des Changierens zwischen schneller, auf Probleme der globalisierten Welt fokussierter Interpretation und dem stillen Geheimnis, das hinter der direkten Zuordnung liegt, steckt der Reiz dieser Kunst.

Ai Weiwei ist ein schlauer Kunsttaktiker, der mit seinem Mittelfinger auf der Fotoserie «Study of Perspective» ironisch und bisweilen frech Orte der Macht, bestehende Werte und Ikonen, seien es das Weisse Haus, der Vatikan oder die Mona Lisa, neu definiert. Er ist ein Künstler, der hier in seinen Werken zu sagen scheint: «Seht her, ich bin da!», aber eben mehr zeigt als blosse Selbstinszenierung.

Zarte Kunst zwischen Dinosauriern

Die Lausanner Ausstellung, die rund vierzig Werke Ai Weiweis seit 1995 präsentiert, überzeugt auch dadurch, dass nicht nur das Kunstmuseum, sondern auch die Räume der anderen Museen und die Bibliothek im Palais de Ru­mine bespielt werden. Hier muss man oft zwischen den gewohnten Objekten des Natur-, Archäologie- oder Geologiemuseums nach den Kunstwerken suchen, die sich hier hervorragend integrieren. Eine begeisternd zarte Serie bilden hängende Arbeiten in Bambus und Seide, feine luftige Symbole, die wiederum gesellschaftskritische Themen überraschend verarbeiten und sich wunderbar ergänzen, beispielsweise mit den Saurierskeletten.

Riesiger Winddrache als Freiheitssymbol

Gesellschaftskritik und die Inszenierung des Künstlers als Globalisierungskritiker, das sind nur zwei Themen. Faszinierend ist aber auch Ai Weiweis vielgestaltige Auseinandersetzung mit der handwerklichen Historie und Virtuosität seiner Heimat. Fast ein wenig folkloristisch kommt da der riesige Winddrache daher, der bei aller Buntheit doch wieder ein Freiheitssymbol sein soll und sich bedrohlich gierig an die ausgestopften Tiere des Zoologischen Museums heranmacht.

Hinweis

Bis 28. Januar 2018. Lausanne, Palais de Rumine.www.mcba.ch.

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