Ausstellung in Stans: Skulpturen voll von Kraft und Zärtlichkeit

Das Nidwaldner Museum Winkelriedhaus zeigt Skulpturen von Rudolf Blättler. Der Künstler gestaltet «Mann und Weib» in Urformen.

Romano Cuonz
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Der Künstler und sein Werk: Rudolf Blättler und die Skulptur «Mann und Weib». Bild: Romano Cuonz (Stans, 17. September 2019)

Der Künstler und sein Werk: Rudolf Blättler und die Skulptur «Mann und Weib». Bild: Romano Cuonz (Stans, 17. September 2019)

«Bei meinem Atelierbesuch am Luzerner Rotsee stand ich Rudolf Blättlers Skulpturen gegenüber und spürte sogleich die unglaubliche Kraft, die von ihnen ausgeht», sagt Kuratorin Patrizia Keller vom Nidwaldner ­Museum. Und sie verdeutlicht: «Blättler pendelt mit seinen Figuren stets zwischen Mann und Frau hin und her und erreicht damit, dass man sich auf ein langes Hinschauen einlassen und sich dabei selber in ständiger Schwebe halten muss.»

Die geballte Kraft jeder einzelnen Skulptur war denn auch für die Gestaltung der aktuellen Ausstellung im Nidwaldner Museum bestimmend. Doch Kuratorin und Künstler blieben bei der Auswahl bewusst zurückhaltend. Sparsam gar: Gerade einmal elf plastische Arbeiten und acht Zeichnungen haben sie dieser Tage aufs Winkelriedhaus, den Pavillon und den Museumsgarten verteilt. In der «Kapelle» beispielsweise nimmt – dominant, mitten im Raum platziert – eine einzige Skulptur den Besucher ins Visier: das «Dreiweib» – drei Frauen in einer.

Alle stehen sie auf wuchtigen Füssen, die wie Säulen wirken. Ihre Köpfe mit aufgeworfenen Lippen und platten Nasen berühren sich. Gemeinsam sind diese Frauen mit ihren schweren, runden Brüsten stark. Den ganzen Raum haben sie im Auge. Da kann ihnen keiner und keine entgehen.

Zuerst eine Lehre als Flugzeugmechaniker

«Es ist wunderbar, wenn ich die Leute anregen kann, dass sie vor einer Arbeit stehen bleiben und sich einfach einmal Zeit nehmen müssen. Drei oder auch fünf ­Minuten», sagt Rudolf Blättler. Aufgewachsen ist der heute 78-jährige Rudolf Blättler als Sohn eines Berufsfischers in Kehrsiten. Nach einer Flugzeugmechaniker-Lehre wandte er sich der Kunst zu. Er besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule Luzern und Akademien in Wien und Rom. Später führten Studienreisen ihn und seine Lebenspartnerin Marie-Theres Amici nach Polen, Peru, Mexiko und Griechenland. Heute lebt und arbeitet Blättler in Luzern. In den 1970er-Jahren bespielte er mit riesenhaft dimensionierten Skulpturen – oft Köpfen oder weiblichen Körpern – öffentliche Räume. Berühmt wurde damals der monumentale Bronzekopf «Ubinas», der bei Beckenried über dem Vierwaldstättersee prangt und auf das gegenüberliegende Dorf Gersau blickt. Ubinas ist der Name eines peruanischen Vulkans und bedeutet: Wo alles herkommt. Für Blättler war dies nicht bloss ein Werk­titel. Vielmehr jene Grundidee, die fortan sein ganzes Schaffen begleiten sollte.

Mann und Frau ein einziges Wesen

Nun kehrt der «Ubina-Schöpfer» in die Heimat zurück: mit elf teils alten, teils ganz neuen Figuren. Und noch immer – oder wiederum ganz neu – befasst er sich mit den Grundbedingungen des Lebens. Verbindet dabei Mann und Frau zu einem einzigen Wesen. Titel seiner Skulpturen zeugen davon: «Grosses Weib», «Das Dreiweib» oder neu auch «Mann und Weib». «Meine Skulpturen sollen Zeichen für die unglaubliche Kraft der Frau sein, zugleich aber auch von der Stärke des Männlichen zeugen», sagt Blättler.

Und nachdenklich: «Nicht Frau oder Mann, sondern die lebensspendende, schöpferische Vermischung der beiden Geschlechter generiert jene Energie und Kraft, die für mich den Menschen ausmacht.» Oft sind Blättlers Skulpturen eindeutig phallisch oder kopulierend. Betrachtet man die elf im Nid­waldner Museum ausgestellten Arbeiten, kommt man nicht umhin, zusammen mit dem Künstler, Fragen nach der menschlichen Existenz auf den Grund zu gehen. Was Blättlers Figuren vermögen, hat Kunstkritiker Niklaus Oberholzer in Worte gefasst: «Seine Plastiken zeigen Ambivalentes. Zärtlichkeit und Inbesitznahme, Zuneigung und Umklammerung mit der Möglichkeit der Zerstörung. Sie thematisieren Sexualität und werden zur Metapher für die Widersprüchlichkeit des Lebens überhaupt.»

Die Liebe zu Gips und Bronze

Während Rudolf Blättler mit der Hand fast zärtlich über die trotz Poren und Narben fast schon wieder feine «Haut» einer Figur fährt, sagt er: «Gips ist ein Material, das mir zusagt. Ich kann ihn auftragen und mit dem Beil wieder wegschlagen, kann ein Jahr lang an einer Figur arbeiten, bis ich sicher bin, dass sie zu leben beginnt.»

Blättler weiss aber auch, wie zerbrechlich Gips ist: «Ich arbeite an der Stärke des Menschen, nicht an seiner Schwäche, deshalb bleibt Gips für mich eine Zwischenstation.» Wenn er von einer Figur, nach oft jahrelanger Arbeit, endlich überzeugt sei, lasse er sie in Bronze giessen. Mit etwas aber werden Ausstellungsbesucher sich abfinden müssen. Blättler unumwunden: «Ans Publikum denke ich beim Arbeiten nie, ich konzentriere mich auf das, was ich mache, und bin gespannt, ob mir noch eine bessere Skulptur gelingt.»

Hinweis: «Rudolf Blättler – Skulptur»: Ausstellung im Nidwaldner Museum Winkelriedhaus, in Stans. Vom 28.9.2019–9.2.2020. Vernissage am 27.9., um 18.30 Uhr. www.nidwaldner-museum.ch