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AUSSTELLUNG: Kunstmuseum Solothurn: Den Leuten auf die Hände schauen

Zu den Filmtagen präsentiert das Kunstmuseum Solothurn zwei Video-Künstlerinnen, die stehende und bewegte Bilder miteinander verheiraten. Eine von ihnen ist die Zentralschweizerin Judith Albert.
Sabine Altorfer
Ausschnitt aus dem Video «Judith & Holofernes» von Judith Albert. Hände faszinieren sie ganz besonders, hier in einem alttestamentlichen Kontext. (Bild: PD)

Ausschnitt aus dem Video «Judith & Holofernes» von Judith Albert. Hände faszinieren sie ganz besonders, hier in einem alttestamentlichen Kontext. (Bild: PD)

Sabine Altorfer

kultur@luzernerzeitung.ch

Welche Schandtat! Eine Schere schiebt sich durch das berühmte Gemälde «La Blanche et la Noire» und schneidet der schwarzen Dienerin das Kleid auf, die Haare weg und trennt der schlafenden Weissen die nackten Beine. Wird hier ein millionenteures Kunstwerk von Félix Vallotton (1865–1925) gefleddert? Doch das Schneiden erfolgt sorgfältig; fasziniert beobachten wir, wie zwei Hände die geheimnisvollen Leinwandheldinnen zurechtbiegen, sie endlich zueinanderbringen, ihnen ein neues Leben schenken.

Die Hände gehören Judith Albert (48), die Vallotton liebt, «die Kühle seiner emotionalen Gemälde», wie sie selber sagt, und deshalb immer wieder Sujets des grossen Westschweizers in ihren Videoarbeiten zitiert, reinszeniert und in die heutige Zeit transferiert. Wunderschön etwa, wie die gebürtige Sarnerin und Trägerin des Innerschweizer Kulturpreises 2016 Vallottons Peperoni-Stillleben, das leuchtende Grün und Rot der Gemüse, langsam zuschneien lässt.

Sujets von Edouard Manet finden wir bei Anne Sauser-Hall (64). «Die unheimliche Stille, die bewegungslose Inszenierung der Figuren faszinieren mich», sagt die Genfer Videokünstlerin. Sie reinszeniert Manets kleines Mädchen vor dem grossen Gitter, das Paar und den kleinen Hund auf dem Balkon oder den toten Torero in langsamen Bildern. Unheimlich und unwirklich schön wirken die Figuren, verlorener noch als auf Manets Bildern: Das Leben scheint festgefroren.

Kostüme, Szenario, Ablauf plant Sauser-Hall minutiös wie eine Filmregisseurin. Aber Geschichten erzählen will sie im Gegensatz zu einer Filmerin nicht. Ob als Grossprojektion gezeigt oder auf einem kleinen Bildschirm kondensiert, zeigt sie existenzialistische Tableaus, seziert sie Befindlichkeiten und Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Auftritte von Menschen.

Handballett mit Barack Obama

Nicht nur das Medium Video und das Zitieren von Kunstwerken verbindet die beiden Künstlerinnen, sondern auch ihr Interesse für Hände. «Ich schaue den Menschen immer auf die Hände», für mich sind sie charakteristischer als Gesichter», sagt Judith Albert. Trotzdem behaupten beide Künstlerinnen, in so befremdlich wie surreal wirkenden Videos, dass eine Figur zwei unterschiedliche Hände haben kann.

Bei Barack Obamas Händen findet Sauser-Hall nicht Form oder Grösse auffallend, sondern die Gestik: Wie er sie parallel hin und her bewegt, sie Bogen beschreiben lässt, hat sie von einem Break-Dancer nachspielen lassen. Auch wenn Form und Rhythmus stimmen, wirkt dieses Handballett irritierend inhaltsleer.

Wie Picasso seine Hand zeichnete, gilt als genial. Kongenial nimmt Judith Albert das ­Motiv auf: Sie deckt ihre Hand mit hautfarbener Paste ab und zeichnet mit einem Malerspachtel die Lebenslinien wieder ein. Nicht virtuos, sondern korrigierend, suchend. Wie wenn sie sagen möchte: Kunst entsteht nicht aus einem genialen Moment, sondern durch (Hand-)Arbeit.

An dieser Arbeit lässt sie uns in einigen Videos teilhaben. Geradezu köstlich im Stillleben «Austern». Ein Tischtuch wird aufgelegt, darauf setzen Judith Alberts Hände eine Schale mit Austern, einen Zitronenkringel, rundum schlingt sie eine weisse Krause, setzt einen orangen Teller mit einem geräucherten Fisch darauf, ein «Vallotton»-Messer mit einer roten Spitze ...

Alles Fake, alles nur Papier-Abbilder von Kunstwerken, wird uns klar. Aber trotzdem staunen wir, dass die Künstlerin über dieses dreidimensionale Arrangement mit dicken schwarzen Strichen einen Raster zeichnen kann. Der Trick sei nicht verraten, aber die Botschaft: Bilder sind zweidimensional, ein Bild ist ein Bild.

Für Christoph Vögele, Direktor des Kunstmuseums Solothurn, ist dieses Video von Judith Albert Schlüsselwerk der Ausstellung. Denn im weissen Tischtuch mit den akkuraten Falten zitiert sie ihre eigene Arbeit in der Solothurner St.-Ursus-Kathedrale: einen wuchtigen Altar aus Carraramarmor, dem man sein steinernes Material – ohne ihn anzufassen – nicht glauben mag.

Dass die beiden Video-Künstlerinnen gerade jetzt im Kunstmuseum Solothurn ihren grossen Auftritt haben, passt bestens zu den Filmtagen. Gerade auch um zu erkunden, wie sich Film- und Videokunst unterscheiden.

Hinweis

Judith Albert und Anne Sauser-Hall. Kunstmuseum Solothurn, bis 8. April. www.kunstmuseum-so.ch

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