AUSSTELLUNG: Kunstmuseum wird Kinderbuchfabrik

Roland Roos zeigt im Kunstmuseum Luzern eine besondere Installation. Der Luzerner Künstler erreicht damit auch Kunden in Warenhäusern.

Kurt Beck
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Der Künstler und Manor-Preisträger Roland Roos (40) hat im Luzerner Kunstmuseum eine Buchproduktionswerkstatt eingerichtet. (Bild Pius Amrein)

Der Künstler und Manor-Preisträger Roland Roos (40) hat im Luzerner Kunstmuseum eine Buchproduktionswerkstatt eingerichtet. (Bild Pius Amrein)

Wer die gestern eröffnete Ausstellung von Roland Roos im Kunstmuseum Luzern anschauen will, muss sich nicht nur auf eine Überraschung gefasst machen, sondern auch auf eine mittlere Irritation. Der direkte Weg zu Roos’ Ausstellung führt «Ins Offene», durch die aktuelle Schau von Landschaftsbildern. Der Spaziergang durch das künstlerische Grün endet am Eingang zu einer fabrikähnlichen Werkstätte.

Man glaubt, sich verirrt zu haben, denn von Kunst ist da nichts zu sehen. Dafür stehen Regale mit Stoffbahnen und Plastikkisten mitten im Raum. Auf dem grossen Tisch stehen Holzablagen bereit für frisch bedruckte Stoffe. Im Waschtrog stehen bespannte Siebdruckrahmen, von denen die Farbe abgewaschen werden muss. Auf einer Empore ist eine Pausenecke für die Arbeiter eingerichtet, die sich auf schäbigen Plastikstühlen vom Stress erholen können.

Wie echt

Man wähnt sich in einer wirklichen Produktionswerkstätte und nicht mehr im Museum. Die ganze Installation wirkt echt. Und im Gegensatz zu anderen Kunst-Installationen ist die Installation des Luzerner Künstlers Roland Roos real und sogar funktionstüchtig. Hier produziert der Künstler mit seinem Team während der nächsten drei Monate Bücher, die in einer Schweizer Warenhauskette verkauft werden. Zu Fr. 14.90 das Stück.

Roland Roos (40) ist der diesjährige Preisträger des Manor-Kunstpreises Zentralschweiz, der alle zwei Jahre vergeben wird. Der von der gleichnamigen Warenhauskette verliehene Preis ist mit 15 000 Franken (für die Produktion neuer Kunstwerke) dotiert und mit einer Museumsausstellung mit Katalog verbunden. Im Normalfall präsentieren die Preisträger eine Auswahl ihrer bisherigen Werke und publizieren einen Katalog dazu.

Bei Roland Roos ist das anders. Als prozessorientierter, konzeptionell arbeitender Künstler produziert er keine Werke für Museumswände. Seine künstlerischen Interventionen greifen in den Alltag ein, finden im gesellschaftlichen Kontext und sozialen Raum statt.

Thema der Ausstellung sind nicht der Künstler selbst und sein Werk, sondern der Preis und sein Stifter. Er produziert nun in der Ausstellung sechs knautschige Kinderbücher aus flauschigem Stoff, die ab heute in den Manor-Filialen verkauft werden. 1500 Büchlein will er während der Ausstellung produzieren. Die Museumsbesucher können ihm und seinem Team von Dienstag bis Freitag dabei zusehen. 22 Exemplare müssen sie täglich fertigstellen, damit die Auflage erreicht werden kann. «Ich weiss nicht, ob das klappt. Wir werden zu Beginn tüchtig Gas geben, damit wir bei Problemen auf einen Vorrat zurückgreifen können», meint der Künstler.

Verkehrte Kunst-Welt

Das Museum in eine Produktionsstätte umzufunktionieren und aus dem Museum den Markt zu bedienen, ist eine ironische Umkehrung der Normalität, wo Kunst im Museum und die Warenproduktion draussen stattfindet. Die Installation von Roland Roos ist ein vielschichtiges Werk, voller Anspielungen und Bezüge, das Fragen aufwirft und Mechanismen aufzeigt, die weit über das Kunstmuseum hinausweisen und wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Zustände kritisch kommentieren.

Zum einen imitiert die Ausstellung die industrielle Warenproduktion, allerdings sind es hier nicht fleissige Kinderhände, die solche Arbeit in Drittweltländern verrichten. Mit der Ware, die hier für den Markt produziert wird, lässt sich kein Geschäft machen. Wäre das Preisgeld nicht, gäbe es das Büchlein nicht: Ohne Preis keine Kunst.

Ware wird Werk

Das Wichtigste: Das Produkt selbst ist mehr als eine Ware, es ist selbst auch ein Kunstwerk, das Werk eines Künstlers. Zudem erzählen die Büchlein die Geschichte der wichtigsten Arbeiten, die der Künstler bisher realisiert hat. Den Künstler selbst freut die paradoxe Situa­tion: «Meine allererste Publikation ist ein Kinderbuch. Das ist pure Ironie.»

Hinweis

Kunstmuseum Luzern: Roland Roos («Manor Kunstpreis der Zentralschweiz»). Di–So 10–17, Mi 10–20 Uhr. Gespräch mit dem Künstler: So, 15. Juni, 11 Uhr.