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AUSSTELLUNG: Kuriositäten und ein politischer Akzent im Kunstmuseum Luzern

Die Amerikanerin Taryn Simon sammelt Vogelaufnahmen aus James-Bond-Filmen und interessiert sich für am Zoll gestrandete Fundgegenstände. Sie zeigt aber auch, was Blumenbouquets mit internationaler Politik zu tun haben.
Julia Stephan
Blumenbouquets bei Vertragsabschlüssen zwischen Staaten: Bei einer 2013 in Bern erfolgten US-schweizerischen Vertragsunterzeichnung über das Fatca-Abkommen. (Bild: Taryn Simon)

Blumenbouquets bei Vertragsabschlüssen zwischen Staaten: Bei einer 2013 in Bern erfolgten US-schweizerischen Vertragsunterzeichnung über das Fatca-Abkommen. (Bild: Taryn Simon)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Manchmal blickt man erst richtig durch, wenn die Dinge in das ­Korsett einer Ordnung gezwängt werden. Die in New York lebende US-Künstlerin Taryn Simon (*1975) ist zwar keine Naturwissenschafterin, sondern eine installativ, mit Foto, Text, Video und akribischer Recherche arbeitende Künstlerin. Aber sie ist bezaubert von der Taxonomie und Methodologie der Naturwissenschaften. Ihre über Jahre erarbeiteten, streng konzeptuellen Serien folgen pseudowissenschaftlichen Ordnungssystemen, die mehr über unsere Welt aussagen, als die ­trockene Herangehensweise zunächst vermuten liesse.

Blutsverwandte porträtiert

Ab Samstag zeigt das Kunstmuseum Luzern Simons erste Überblicksausstellung in der Schweiz, darunter vier Kapitel ihrer weltweit viel beachteten Serie «A Living Man Declared Dead and Other Chapters I–XVIII» (2008–11). Dreiteilige Bild- und Texttafeln sind das, für die Simon weltweit Blutsverwandte fotografierte, etwa eine indische Familie, die vom korrupten Katasteramt für tot erklärt wurde, um ihr das Recht auf Landbesitz zu nehmen.

Simon zeigt die Menschen kontextbefreit, im Kunstlicht, mit neutralen Gesichtsausdrücken vor braunem Fotopapier. Selbst die Sitzgelegenheit der Porträtierten ist retouchiert. Wer sich nicht fotografieren lassen wollte, unauffindbar oder bereits tot war, für den hat Simon als Platzhalter einfach das braune Fotopapier abfotografiert. Manche Menschen händigten ihr als Pars pro Toto auch ihren Pullover aus. Die Abwesenheit Einzelner sind persönliche Grenzziehungen, die mehr über die von Simon erzählte Geschichte verraten, als das, was transparent gemacht wird. Von Albinos bis zum herangezüchteten Laborhasen dokumentiert diese Serie jede erdenkliche Verwandtschaftsbeziehung und öffnet damit einen riesigen gesellschaftspolitischen Hintergrund.

Manchmal kommt die Zensur auch von aussen: Im Kunst­museum hängen auch die drei Tafeln über einen von Nordkorea entführten südkoreanischen Seemann. Dieses Kapitel der Serie fiel bei einer Ausstellung in China der dortigen Zensur zum Opfer, weshalb es Simon in Luzern geschwärzt gehängt hat. «Es wurde so mein erstes abstraktes Ge­mälde», so die Künstlerin über ihre Arbeit.

Rechtsgrenzen nie verletzt

Dabei verletzt Simon bei ihren Recherchen zu keiner Zeit irgendwelche Rechtsgrenzen, sondern dokumentiert gerade dieselben. Etwa bei ihrer schon in Genf gezeigten Arbeit «Contraband». ­Simon hat am John F. Kennedy International Airport während einer Woche über 1000 von den Zollbehörden aufgegriffene Objekte fotografiert, vom Kuhurin bis zur gefälschten Louis-Vuitton-Tasche. Nach Besitzer oder Art des Gegenstandes geordnet, dekontextualisiert und an der Wand in Fotoreihen präsentiert, sagen diese Gegenstände mehr über die Welt aus, als es der legale, grenzüberschreitende Warenfluss je tun würde.

Doch die Luzerner Ausstellung, die mit ihren Glaskästen und den dunklen Holzmöbeln eher an einen naturwissenschaftlichen Museumsraum erinnert, ist auch ein Kuriositätenkabinett. In der Serie «Birds of the West ­Indies» (2014) greift Simon den Umstand auf, dass James-Bond-Erfinder Ian Fleming, selbst passionierter Hobby-Ornithologe, den Titelheld seiner Buchreihe nach dem Autor eines Ornithologen-Buches namens «Birds oft the West Indies» benannt haben soll.

Im nicht in Luzern gezeigten ersten Teil fotografierte Simon gealterte Bond-Girls und Bonds Superwaffen. Für den in Luzern präsentierten zweiten Teil sammelte sie neben historischen Briefwechseln des Ornithologen James Bond Film-Stills von in Bond-Streifen auftauchenden Vögeln. Die in Schwarz-Weiss und ver­einheitlichtem Format präsentierten Stills, die von den Vögeln nicht mehr als schwarze Punkte zeigen, hat sie auf einem Zeitstrahl und nach geografischen Kriterien an die Wand gehängt. Die Ausschnitte von Nebenschauplätzen wirken mindestens so beliebig wie Flemings Namenswahl.

Blumen fürs Protokoll

Einen politischen Akzent setzt die Arbeit «Paperwork and the will of capital» (2015). Simon liess Blumenbouquets, die bei zwischenstaatlichen Vertragsunterzeichnungen dekorativ auf dem Tisch liegen, nachstecken und fotografierte sie vor zwei­farbigen Hintergründen, welche das farbliche Setting bei der ­Vertragsunterzeichnung reflektieren (siehe Foto). Dabei ist die Wahl der Blumen ebenso von den Flaggenfarben geprägt wie vom kulturellen Farbcode der ­jeweiligen Länder.

Hinweis

Taryn Simon: «Shouting is under calling». Kunstmuseum Luzern. Bis 16.6. Samstag 24.2., 16 Uhr: Direktorin und Kuratorin Fanni Fetzer im Gespräch mit der Künstlerin.

www.kunstmuseumluzern.ch

Blumenbouquets bei Vertragsabschlüssen zwischen Staaten: Eher frostig bei der Bratislava-Deklaration von 1968, die Antwort auf den Prager Frühling. (Bilder: Taryn Simon)

Blumenbouquets bei Vertragsabschlüssen zwischen Staaten: Eher frostig bei der Bratislava-Deklaration von 1968, die Antwort auf den Prager Frühling. (Bilder: Taryn Simon)

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