AUSSTELLUNG: Nidwaldner Museum lässt zwei Künstler «kollidieren»

Das Nidwaldner Museum zeigt mit Max Philipp Schmid und Luc Mattenberger zwei sehr unterschiedliche künstlerische Ansätze. Beide thematisieren eindrücklich die konfliktreichen Pole der heutigen Gesellschaft.
Deborah Keller
Die Dreikanalprojektion «Membran» von Max Philipp Schmid zeigt in Stans Gedanken zweier Männer und einer Frau. (Bild: Christian Hartmann/PD)

Die Dreikanalprojektion «Membran» von Max Philipp Schmid zeigt in Stans Gedanken zweier Männer und einer Frau. (Bild: Christian Hartmann/PD)

Deborah Keller

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Kombination wirkt kühn: Der Basler Experimentalfilmer Max Philipp Schmid (geboren 1962) und der in Genf lebende Objektkünstler Luc Mattenberger (1980) werden in einer Doppelschau gezeigt. Schmid ist bekannt für seine technisch ausgefeilten, inhaltlich dichten Kunstvideos, welche die menschliche Existenz umkreisen. Mattenberger erlangte Aufmerksamkeit mit Skulpturen und Installationen aus oft maschinellen Versatzstücken, die in kühler Anmutung zwischen zweckentfremdeter Funktionalität, Gefahrenpotenzial und Fetisch oszillieren.

Für die Begegnung dieser zwei Positionen, die das Nidwaldner Museum in Stans organisiert hat, scheint der Titel «Collisions» also angebracht. Ein «Zusammenstoss» prägt zudem die Rahmenbedingungen der Ausstellung: Patrizia Keller, die seit zwei Jahren als Kuratorin und stellvertretende Leiterin des Hauses amtet, realisierte das Projekt gemeinsam mit Chantal Molleur, Gründerin und Kuratorin der nomadischen Videoplattform «White Frame» aus Basel.

So, wie diese Kooperation aber vielmehr auf Kollegialität als auf Kollision fusst, erweisen sich auch die Werke von Mattenberger und Schmid bei genauerer Betrachtung nicht unkompatibel.

Reizüberflutung und Achtsamkeit

Am augenscheinlichsten wird das in den neusten Arbeiten beider Künstler, die hier präsentiert werden: Schmids aufwendige Dreikanalprojektion «Membran» hat in dem Pavillon neben dem historischen Hauptbau des Museums einen vortrefflichen Platz gefunden. Man taucht ein in die offensichtlich isolierte Innerlichkeit zweier Männer und einer Frau, deren Gedanken mantraähnlich um Selbstoptimierung sowie persönliche und kollektive Bedrohungsszenarien kreisen. Annähernd abstrakte Nahaufnahmen von Haut oder Augen stören zuweilen die theatralisch wirkenden Interieurszenen. Es sind Metaphern dafür, wie das ideologische und mediale Überangebot unserer heutigen Zeit das Gemüt unbewusst infiltriert und zu Zwangsaktionismus oder Lähmung führt.

Als trendige Zauberformel gegen diese Eindrucksflutung gilt die «Achtsamkeit», die Mattenberger in zwei neuen, benutzbaren Objekten thematisiert. Die «Möbel» aus Schaumstoffliegen, Bildschirmen und Lautsprechern erinnern an medizinische Versuchsanlagen oder gar Folterinstrumente – ein Gedanke, der durch die kerkerhaft dicken Mauern des alten Winkelriedhauses, in dem sie stehen, verstärkt wird. Grundlage der Werke sind Meditationstexte, die der Künstler mittels eines Computerprogramms in Ton und Bild überführt.

Auf den Pritschen liegend, verliert man sich so in der changierend einfarbigen Tiefe der Monitore, während wie von fern ein Wummern ertönt. Allzu weit her ist es mit der Folter jedoch nicht: Bevor Mattenberger die Objekte ins Winkelriedhaus brachte, hat er sie 48 Stunden lang in der nahen Fürigen-Festung getestet. Der Verlust von Zeit- und Raumgefühl, den er dabei (wohldosiert) erlebte, grenzte an den Effekt der «sensorischen Deprivation», die etwa in Guantánamo Verbrecher geständig machen soll.

«Collisions» finden sich sodann auch auf dem weitern Ausstellungsrundgang weniger in der Konfrontation der zwei unterschiedlichen künstlerischen Ansätze als vielmehr in den Charakteristiken unserer Welt, die beide Künstler thematisieren: die spannungsreiche Gegensätzlichkeit zwischen Aussen- und Innenwelt, Heilsversprechen, Terror und Technikglaube, Abschottung und Liebessehnsucht. Schmid und Mattenberger veranschaulichen diese Konflikte auf beklemmende, eindringliche zum Glück nicht ganz humorlose Weise.

Hinweis

Nidwaldner Museum, Winkelriedhaus, Stans, bis zum 20. Mai.

Mittwoch, 25. April, 18.30 Uhr: Rundgang durch die Ausstellung mit den Künstlern und den beiden Kuratorinnen.

Mittwoch, 2. Mai, 18.30 Uhr: Schlaglicht-Rundgang mit Eva Kuhn, Kunst und Filmwissenschaftlerin, und den Kuratorinnen.

Möbel oder Folterbank? «We Only Got Two Lives» von Luc Mattenberger. (Bild: Christian Hartmann/PD)

Möbel oder Folterbank? «We Only Got Two Lives» von Luc Mattenberger. (Bild: Christian Hartmann/PD)

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