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AUSSTELLUNG: Schreibstau und Schreibrausch

Opium und Alkohol, Nikotin und Disziplin – wer kreativ sein will, ist es auch bei der Wahl der Mittel. Eine wunderbare Ausstellung folgt Schriftstellern auf ihrer manischen Suche nach Inspiration.
Julia Stephan
Bernward Vesper, LSD-Zeichnung. (Bild: Kalender/Schröder, März-Verlag)

Bernward Vesper, LSD-Zeichnung. (Bild: Kalender/Schröder, März-Verlag)

Die andere Seite des Schreibrauschs ist das leere Blatt. Dichter und Denker versuchen dieser Leere zu entkommen, seit es sie gibt. Mit Alkohol und Nikotin. Mit bewusstseinserweiternden Drogen und die Ratio dimmenden Schreibtechniken. Sogar Disziplin kann helfen, wenn man es hält wie ein Thomas Mann (genau eineinhalb Seiten, genau von neun bis zwölf, und das ein ganzes Leben lang).

Vielleicht auch deshalb beginnt die Ausstellung «Schreibrausch» über Inspiration in der Literatur im Zürcher Strauhof mit leeren Blättern. 27 Schriftsteller haben sie eingereicht, darunter auch die Luzerner Performerin Beatrice Fleischlin. Nicht alle sind leer, manche zerknittert und wenige sogar beschrieben.

Schreibend Blockaden überwinden

Denn übers Nichtschreibenkönnen zu schreiben, ist auch schon ein Anfang. Der deutsche Nachkriegsschriftsteller Wolfgang ­Koeppen kam bei der Niederschrift seiner Erzählung «Jugend» (1976) nicht über den ersten Satz hinaus («Meine Mutter fürchtete die Schlangen.»). «Ich finde nicht weiter», schreibt er verzweifelt darüber, «dass nichts entsteht. Immer fällt mir dieser Satz ein. Ich scheitere an ihm. Ich schreibe ihn. Die Seiten häufen sich. Meine Mutter fürchtete die Schlangen.» Die Kuratoren Andreas Schwab und Magnus Wieland haben für ihre Ausstellung 70 Exponate von bekannten und unbekannten Autoren zusammengetragen: Historische Fotos von einem trinkenden, rauchenden und schreibenden Erich Kästner geben eine Idee von diesem nicht immer störungsfreien Schaffensprozess.

Die nikotingelben, kaffeebraunen und angekokelten Manuskripte tragen die Spuren von künstlich herbeigeführten Kreativitätsschüben, auf welche Autoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts und die Beat-­Literaten noch Loblieder sangen. In Zeiten strenger Rauschmittelgesetze wirken sie ziemlich abgefahren.

Der Drogenrausch ist heute «out»

Dass sich seit den LSD-Versuchen mit Schriftstellern in den 1970ern doch ein paar Werte verschoben haben, sieht man an den Videointerviews mit Zeitgenossen. Auch wenn man vermuten darf, dass die Dunkelziffer der hochprozentigen Literaten deutlich höher liegt – wer traut sich heute noch, sich auf seine Drogenabhängigkeit etwas einzubilden? –, ist der Sinneswandel doch ziemlich offenbar.

Der Schriftsteller Michael Stauffer behilft sich lieber mit Atemübungen als mit Opium. Melinda Nadj Abonj hält ebenfalls nichts vom Ausschalten der Ratio: «Das Fliessen ist nicht die Vorbedingung für einen guten Text.»

Das hätte der amerikanische Schriftsteller Jack Kerouac (1922–1969) noch anders gesehen. In einem New Yorker Appartment tippte er seinen Kultroman «On the Road» in drei Wochen auf eine 35 Meter lange Rolle aus zusammengeklebtem Papier. Tempo: 110 Wörter pro Minute.

Sind Rauschmittel also doch ein probates Mittel? Strauhof-Co-Leiter Rémi Jaccard meint mit Blick auf Thomas Mann oder auf den sklavisch vorgegebenen ­Wochenplan eines Vielschreibers wie den belgischen Krimiautor Georges Simenon (8 Tage Schreibarbeit, ein paar Tage Pause, 7 Tage Überarbeitung): «Aufs ganze Leben gesehen, sind die Disziplinierten doch die Produktiveren gewesen.»

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

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