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AUSSTELLUNG: Sinnliche Erinnerungskultur

Die französische Turner-Preisträgerin Laure Prouvost holt das pralle Leben ins Luzerner Kunst­museum. Auf dem inszenierten Rundgang machen wir uns auf die Suche nach ihrem Grossvater.
Julia Stephan
Laure Prouvosts Arbeit «Wantee» (2013) so, wie sie in der Tate Britain gezeigt wurde. Bild: Lucy Dawkins/Tate

Laure Prouvosts Arbeit «Wantee» (2013) so, wie sie in der Tate Britain gezeigt wurde. Bild: Lucy Dawkins/Tate

Am Eingang erhält der Besucher erst einmal Tee. Aus einem verschlossenen Seitenraum ertönt Vogelgezwitscher. Ein begehbarer himmelzartblauer Steg gibt beim Rundgang durch die Ausstellungsräume Orientierung. In dessen Kunstharzoberfläche hat die Künstlerin Laure Prouvost kleine Äste, Zigarettenstummel und das, was sie sonst noch an Strassenmüll rund ums KKL vorgefunden hat, eingefügt wie kleine Schmuckstücke.

Kurz: Prouvost hat das pralle Leben ins Museum getragen. Denn die Künstlerin, die 2013 überraschend für ihre auch in Luzern zu sehende Videoarbeit «Wantee» den renommierten Turner-Preis erhielt, ist eine Frau der Sinne, die aus dem Museumsbetrieb mit seinen strengen Kategorien eine Spielwiese macht – auf einem ihrer Videos sieht man Kinder, die ihren Spielplatz neben einem Kriegsschiff oder an anderen spielfeindlichen Umgebungen gefunden haben.

Riechen, schmecken, berühren

Prouvost riecht, sie schmeckt, sie berührt Geschichten und zieht uns mit offenen Handgesten über ihre Stimme und über das anekdotische Erzählen in ihre Videoarbeiten. Sie atmet, haucht und flüstert ins Mikrofon. «Mit Sound kann man auf einem ganz anderen Level ins Unterbewusste eindringen», sagt die Künstlerin in der Begleitpublikation «Hit Flash Back».

Die von Museumsdirektorin Fanni Fetzer kuratierte Ausstellung «And she will say: hi her, ailleurs, to higher grounds ...» ist eigentlich eine Fortsetzungs­geschichte, die mit einer Ausstellung in Frankreich begann, im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt fortgesetzt wurde und in Luzern nun einen Abschluss finden wird.

Ausgehend von der fiktionalen Geschichte ihres Grossvaters, eines Konzeptkünstlers, der bei der Grabung eines Tunnels zwischen Europa und Afrika verschollen sein soll, pflegt Prouvost in ihrer Ausstellung eine ungewöhnliche Erinnerungskultur. Sie lässt ihre Grossmutter, eine Keramikkünstlerin, die ihren Mann verehrt und sich durch seine Arbeit zugleich zurückgesetzt fühlt, für den Grossvater eine Gedenkstätte errichten.

Geschichten, die sich in sich selbst verstricken

Wenn man Laure Prouvost auf die von ihr in die Welt gesetzte Geschichte dieses ungleichen Künstlerpaars direkt anspricht wie beim gestrigen Medienrundgang, antwortet sie nicht mit den Klauseln, die man sich von Künstlern gewohnt ist. Anstatt zu sagen: «In meiner Arbeit geht es um eine Frau, welche mit der Kunst ihres Mannes nichts an­zufangen weiss», sagt sie, als gebe es am Wahrheitsgehalt ihrer Fabel nichts zu rütteln: «Meine Grossmutter mag keine Konzeptkunst.»

Das ist verwirrend, aber bezeichnend für ihre Kunst, die gar nicht objektivieren will, sondern sich in ihre eigenen Geschichten verstrickt. Völlig unmöglich, dem Narrativ durch die Ausstellung zu folgen. In der Arbeit «After, after» (2013) werfen in einem abgedunkelten Raum Spots für wenige Sekunden Licht auf im Raum verteilte Gegenstände. Die kurz sichtbaren Objekte provozieren «Flashbacks». Erinnerungen an Gegenstände, die wir in einem anderen Raum bereits gesehen haben.

In dieser humorvollen assoziativen Schau aus Video, Installation, Texttafeln, Teppichen und Found-Footage-Objekten geht es längst nicht nur um die private Geschichte einer Künstlerehe. Es geht ebenso um die Nebenrolle des Weiblichen in der Kunstgeschichte – die Grossmutter hat sich geschickt ins männliche Narrativ eingeschleust – und um institutionelle Erinnerungskultur. «Wie verändert sich die Perspektive auf ein Kunstœuvre, wenn es im Museum in einen Kontext gestellt wird?», fragt uns Prouvost.

Eigener Inszenierungsanstrich

In der mit dem Turner-Preis ausgezeichneten Arbeit «Wantee» (2013) untersucht Prouvost das angebliche Wohnzimmer ihrer Grosseltern. Der Raum wurde mit Farbe übermalt, hat also einen eigenen Inszenierungsanstrich durch die Künstlerin erfahren. Prouvost ertastet Gegenstände und erinnert sich an ihren Grossvater, seine Kunst und deren Bedeutungsverlust im Fortgang der Geschichte – seine Konzeptkunst diente der Grossmutter in der Küche als Hilfsmittel.

Ein Teil des Interieurs aus dem Video steht auch im Raum. Die Keramiktassen der Grossmutter sind in Glaskästen aufgestellt oder stehen auf einem gedeckten Tisch als Teil einer In­stallation. Das ist Geschichte, mehrfach inszeniert.

Die Arbeit «Maquette for Grand Dad’s Visitor Center» (2014) zeigt ein Modell eines Museums, das künftig die Konzeptkunst des Grossvaters beherbergen soll. Einen Raum später betreten wir bereits die Lobby dieses Visitor Center. Dort hat Prouvost einige ihrer Künstlerfreunde eingeladen, eigene Arbeiten zu zeigen. Auf diese Weise setzt sich Prou­vost bewusst über das Konzept der Einzelausstellung hinweg.

Wer den Mut hat, den vielen Eindrücken keine Kategorien aufzudrücken, der wird am Ende belohnt. Die Flashbacks beim Rundgang häufen sich . Und langsam beginnt sich die Geschichte zusammenzusetzen.

Hinweis

Laure Prouvost: «And she will say: hi her, ailleurs, to higher grounds ...»

Im Kunstmuseum Luzern, bis 12. Februar. Am 26. November um 16 Uhr: Künstlergespräch.

Infos: www.kunstmuseumluzern.ch

Julia Stephan

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