Ausstellung Sursee
Der neuste Wurf von Wetz: So betrachtet man Kunst himmelwärts

40 Kunstschaffende, die grossmehrheitlich aus der Region kommen, zeigen Werke, die man in der reformierten Kirche Sursee nur in sehr ungewohnter Position sehen kann: Man legt sich unter die Kirchenbänke.

Pirmin Bossart
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Wetz zeigt hier gleich selber, wie es geht: das Betrachten von Kunst unter den Kirchenbänken liegend.

Wetz zeigt hier gleich selber, wie es geht: das Betrachten von Kunst unter den Kirchenbänken liegend.

Bild: Werner Marthis (7. Mai 2021)

Auf diese Idee muss man erst kommen: Eine Ausstellung zu zeigen, die man zunächst gar nicht sieht. Statt im herkömmlichen Galerien-Trott den Wänden entlang zu wandeln, ist in diesem Kunsthaus ein körperlicher Einsatz erforderlich, um die Kunstwerke vor Augen zu bekommen. Ein Niederknien, man kann auch sagen eine Bewegung der Demut. Einige werden es als ächzende Fitnessübung empfinden. Egal, was diese Schwelle des Kunstkonsums für Gefühle auslöst: So nah lässt sich ein Kunstwerk selten betrachten. Es ist die pure Intimität.

Die Werke sind in der reformierten Kirche Sursee ausgestellt. Um sie zu sehen, schnappt sich der Besucher im Foyer am besten ein Kissen, kniet darauf und beugt sich unter die Kirchenbank. Besonders agile Personen surfen, auf dem Kissen liegend, die ganze Länge der Bankreihen ab und entdecken so die Werke als namenloses Band von optischen und sinnlichen Eindrücken. Andere suchen sich gezielt ein paar Namen aus und lüften so ein Kunstgeheimnis nach dem anderen. Personen mit körperlichen Einschränkungen greifen zu einem langstieligen Spiegel und können die Vielfalt an malerischen und skulpturalen Unikaten unter den Bänken im Sitzen erkunden.

Niklaus Troxler und andere bekannte Namen

20 Künstlerinnen und 20 Künstler wurden eingeladen, sie zeigen insgesamt 120 Werke. Jeder Kunstschaffende ist mit Namen auf der Kirchenbank angeschrieben, versehen mit einem QR-Code, den man scannt und sofort die Informationen zur Person und zum Werk aufs Handy bekommt. Es hat viele bekannte Namen darunter, mit denen Wetz und sein Team schon lange zusammenarbeiten. Die meisten sind aus der Region, man kennt sie von Ausstellungen im KKLB Beromünster: Niklaus Troxler, Ems Troxler, Niccel Steinberger, David Bucher, Stefan Rösli, Tino Steinemann, Brigitte Steinemann, Nina Steinemann, Urs Heinrich, Bruno Fischer, Michael Käufeler, Kathrin Rölli, Charles Moser, Heinz Julen, Dora Wespi, Cédric Payri, Kurt F. Hunkeler, Walo Spoerndli, Barbara Bucher oder Adriana Zürcher.

Künstler Wetz verknüpft mit seiner neusten und vierten Inkarnation des Kunsthauses Sursee mehrere Dimensionen: Eine künstlerische, eine körperliche, eine gemeinschaftliche und auch eine spirituelle. «Kunst und Kirche haben sehr wohl etwas zu sagen», betont Pfarrer Ulrich Walther, der dem vierten Kunsthaus Sursee ein Jahr lang Gastrecht bietet. «Beide denken nicht nur in funktionalen, rationalen und auf Nützlichkeit bedachten Positionen. Sie durchbrechen Gewohnheiten, wie diese Ausstellung, und bieten einen Perspektivenwechsel.» Eine Perspektive, die im vorliegenden Falle – von unten – erst recht explizit himmelwärts zeigt.

Alle Religionen haben bestimmte Körperhaltungen

Walther, der auch den Vorstand der Kirchgemeinde Sursee für dieses Projekt überzeugen konnte, ist interessiert am Dialog mit den Weltreligionen und mit der Kunst. Jede Religion habe ihre bestimmten Körperhaltungen, um sich dem Grösseren zu öffnen.

«Es tut uns gut, wenn wir mal wieder mit dem Boden verhaftet sind und von dort aus die Welt betrachten.»

Die Kunst hielt schon 1966 im Gotteshaus Einzug, als André Thomkins die Kirchenfenster malte und mit seiner Vorderansicht eines VW-Käfers als Chorfenster mindestens so provokativ war wie diese Schau von unten. «Das verträgt die Kirche», sagt Walther. «Sie stellt sich spannenden Auseinandersetzungen.»

Wetz stürmte in die Kirche: «Ich habe eine Idee!»

Es war im Sommer letzten Jahres, als während der Renovationsarbeiten in der reformierten Kirche Wetz hereingestürmt kam und dem Pfarrer zurief: Ich habe eine Idee! Auf ein Bänkli seien sie dann gesessen, erzählt Wetz.

«Ich hatte Angst, Pfarrer Walther meine Idee mitzuteilen.»

Ich war so überzeugt, dass diese Ausstellung einfach stattfinden musste und entsprechend so erleichtert, dass der Pfarrer sofort verstand, worum es mir ging.»

Wetz wollte mit seinem Projekt den Künstler André Thomkins ehren. «1991 kam ich nach Sursee. Seitdem habe ich allen meinen Besuchern diesen Kirchenraum mit den Glasfenstern gezeigt.» Thomkins ist einer seiner Helden. Immerhin hatte ihm der Meister persönlich 1984 an der Kunsthochschule Berlin ein Lob für seine damaligen Soft-Art Werke erteilt. Als Wetz Jahre später im Oberengadin mal ein paar Edelweiss entdeckte, nur weil er sich auf den Boden legte, sprang ein weiterer Funke in seinem Hirn. Er zündet jetzt im frisch renovierten Kirchenraum.

«Blumen für Thomkins» heisst die Ausstellung, in Anlehnung an die Jubiläumsausstellung «Blumen für die Kunst» im KKLB. Einige der Kunstschaffenden haben sich denn auch mit ihren Kirchenbank-Werken explizit auf Thomkins bezogen, andere haben losgelöst davon ihre Hommage geleistet. Wetz ist begeistert über diese Herangehensweisen und ihre Vielfalt. Er selber wollte kein eigenes Werk zeigen.

«Die Ausstellung ist für mich ein Niederknien vor dem Meister.»

Die reformierte Kirche ist bereits das vierte Kunsthaus Sursee. Frühere Örtlichkeiten waren die Otto’s Filiale, der Rinder-Stall im Zollhaus Schenkon und der «U-Bahn»-Lüftungsschacht im Surseer Wald, eine Weiterführung des fiktiven U-Bahn-Lüftungsschachtsystems des Künstlers Martin Kippenberger. Die grösste U-Bahn-Station entsteht jedoch auf dem Gelände des KKLB. Tonnenweise Beton wurden schon verlocht. Aber das ist wieder eine andere Geschichte mit Wetz.

«Blumen für Thomkins» in der reformierten Kirche Sursee, Dägernsteinstrasse 3. Die Ausstellung ist für ein ganzes Jahr geöffnet, jeweils von 8 bis 18 Uhr, zurzeit mit maximal 15 Personen zugänglich. Während Gottesdiensten und Veranstaltungen in der Kirche ist die Ausstellung geschlossen. Weitere Infos: www.kklb.ch/kunsthaus-sursee