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AUSSTELLUNG: Warum darf man in der Kirche sitzen?

Das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich beantwortet die Fragen, die man nicht zu stellen gewagt hat. Die Ausstellung «Gott und die Bilder» setzt sich kritisch mit der Reformation auseinander.
Blick in die Ausstellung «Gott und die Bilder» im Landesmuseum Zürich. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Blick in die Ausstellung «Gott und die Bilder» im Landesmuseum Zürich. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

«Seit wann hat es in unseren Kirchen eigentlich Kirchenbänke? Dumme Frage. Die waren doch schon immer da.

Leider ein Irrtum. Die Kirchen wurden möbliert zu einem bestimmten Zeitpunkt und für einen bestimmten Zweck. Der Zeitpunkt war die Reformation. Die Predigt bekam immer grösseres Gewicht in den Gottesdiensten (das heisst, sie wurde immer länger). Irgendwann schaffte das die Gemeinde nicht mehr. Man liess sie sitzen, ordentlich in Reih und Glied. Und der Zweck? Heute könnte man sagen, dass man im Stehen vielleicht weniger einschläft. Aber damals war offenbar eine richtige Predigt – die problemlos Stunden dauern konnte – stehenderweise eine nicht zu bewältigende Zumutung.

Vor der Reformation dauerten die Gottesdienste nicht so lang – muss man vermuten. Und nur die Chorherren, gewissermassen die Lokalprominenz der Kirche, durften sitzen. Die Predigt war kurz, es gab viel Bewegung während der Messe – und deshalb kaum Bedürfnis nach Kirchenbänken. Nun wird man sich nach der ersten «dummen» Frage (die es ja nicht gibt, wie wir wissen) die zweite nicht verkneifen: Warum mussten denn die Predigten so viel länger dauern? Und damit sind wir beim Thema.

Das Thema ist die Reformation. Aber die Ausstellung im Landesmuseum beschäftigt sich auch mit den Punkten, welche die Reformationsbewegung spalten sollten. Es gab die Thesen, die Luther 1517 an die Kirchentür von Wittenberg nagelte (auch von Zwingli gibt es 67 Thesen, anlässlich der Zürcher Disputation von 1523 verfasst), und den Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli, die Abschaffung des Zölibats, die Auseinandersetzung mit den Täufern und einiges mehr.

Die lange Predigt ist ein Punkt, der eher zu denen gehört, welche die «neue» Kirche von der «alten» abgrenzen sollten. Einer der Kerngedanken von Luther und Zwingli und auch der anderen Reformatoren, deren Namen uns heute nicht mehr so geläufig sind, war der Gedanke, dass die Heilige Schrift die Quelle des Glaubens sein solle und nicht die Angst vor Verdammnis oder der Autorität. Der Streit um den Ablasshandel war eher ein Ausdruck davon als der Anlass.

Lesen können, um zu glauben

Dass man sich das Seelenheil kaufen können soll, war ein Skandal. Aber die Sünden blieben ja trotzdem. Der Glaube macht eben selig. Und das klappt nur, wenn der Christ nicht blind irgendwelchen Autoritäten folgt, sondern sich auseinandersetzt mit diesen Wahrheiten. Und dafür muss er die Texte kennen, um die es geht. Die Evangelien, das Alte Testament, aber auch die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus. Dort werden ja zum Teil hochkomplexe theologische Fragen erörtert. Das überliess man bisher den Experten. Nun sollten auch die Laien die Bibel lesen. Dafür musste man sie erst einmal übersetzen.

Und die Hilfestellung dazu sollte eben die Predigt liefern. Hier wurde Bibelauslegung vorexerziert, das war mehr als Erbauung und Ermahnung, sondern eine intellektuelle Herausforderung. Und das ging und geht besser im Sitzen. Der Christ durfte sitzen in der Kirche, dafür musste er lesen können. Die Ausweitung der Bibellektüre lieferte einen bedeutenden Anstoss zur Alphabetisierung. Nicht nur der Buchdruck und die Renaissance.

«Gott und die Bilder» ist die Ausstellung betitelt. Die Reformation war gleichzeitig bilderfeindlich und -freundlich. Heiligenbilder waren Zwingli ein Dorn im Auge, die sollten nicht verehrt werden. So wurden denn auch die Altarbilder von Hans Leu dem Älteren, die das Martyrium der Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula zeigten, aus dem Grossmünster entfernt. Zum Glück nicht zerstört, aber 1566 musste Hans Asper die Heiligen übermalen und rettete dadurch die einzigartige Stadtansicht.

Christoph Bopp

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Ausstellung im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich dauert bis zum 15. April.

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