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AUTOBIOGRAFIE: Kommissär-Hunkeler-Schöpfer erzählt sein Leben

Kurz vor seinem 80. Geburtstag erzählt der Kommissär-Hunkeler-Schöpfer Hansjörg Schneider in seinem neuen Buch sein Leben. In Aargauer Untertanenmentalität geboren, wird er zum aufmüpfigen Autor.
Hansruedi Kugler
Hansjörg Schneider im Theater Basel, wo er in den späten 1960er-Jahren als Regieassistent arbeitete. (Bild: Bastian Schweitzer/Diogenes-Verlag)

Hansjörg Schneider im Theater Basel, wo er in den späten 1960er-Jahren als Regieassistent arbeitete. (Bild: Bastian Schweitzer/Diogenes-Verlag)

Hansruedi Kugler

Er, der Aargauer Kleinbürgersohn, ist endlich akzeptiert in ­Basel: «Hopp Hunkeler!», ruft ihm fröhlich ein Velofahrer zu, den Hansjörg Schneider auf einer Basler Brücke aus Unachtsamkeit beinahe zu Fall gebracht hatte. Der befürchtete Velofahrer-Zorn kehrt sich in Sympathie. Mit dieser Szene beschliesst Schneider seine Autobiografie. Der Symbolgehalt ist stark. Denn die Wandlung steht für Schneiders ganzes Leben und Schreiben: Vom Theater- und Fernsehskandal in den 1970er-Jahren um sein drastisches Stück «Sennentuntschi» über zwei Sennen, die eine Sexpuppe basteln, welche zur lebenden Rächerin wird, wandelt sich sein Image dank seines Kommissärs Hunkeler zum Krimi-Liebling der Nation.

Eine ähnliche Wandlung glückt ihm im Privatleben: Von der lieblosen Jugend bis zur ­Geborgenheit bei seiner Frau ­Astrid. Über sie erzählt er leider fast nichts. Ihr hat er allerdings schon vor zwanzig Jahren eines seiner schönsten Bücher gewidmet: «Nachtbuch für Astrid», ein Tagebuch der Trauer ohne jede Rührseligkeit nach dem Krebstod seiner Frau. Insgesamt habe er ein geglücktes Leben gehabt: «Ich bin meinem Schicksal dankbar», schliesst er sein Buch. Das ist nicht selbstverständlich. Denn in dieser Autobiografie ist drin, was in ein solches Buch gehört. Bittere Herkunft, knorziger Lebensgang. Und alles mit Reflexion und viel Emotion: Zorn, Aufbegehren, Selbstzweifel, Anklage, Dankbarkeit.

Es ist ein ­beruflich erfolgreiches Leben, in welchem Schneider die brutale Zurichtung in der Kindheit nie ganz abzustreifen vermag. Die Angst sitzt ihm immer noch im Nacken: Entscheidungsschwäche, gelegentliches Stottern, ruppiges Benehmen. Das alles kritisiert Schneider an sich. Unverkrampft durch die Stadt zu gehen, falle ihm immer noch schwer. ­Erziehung sei in seiner Jugend Dressur gewesen. Der Vater war ein eifriger Emporkömmling und Berufsschullehrer, gegen aussen als Atheist und Antifaschist ein Vorbild, aber in der Familie ein «grässlicher Diktator». Die regelmässigen Prügel verzeiht Schneider ihm auch im Alter nicht. Sanft war die Mutter, die früh an Multipler Sklerose erkrankte und sich das Leben nahm – was die Familie vollends zum Verstummen brachte und Schneider als jungen Erwachsenen in eine schwere Depression stürzte.

Das Aargau – Seelenbild des künftigen Schriftstellers

Überraschenderweise lesen sich die ersten zwanzig Seiten seiner Autobiografie wie ein Aargauer Geschichtsbuch: Ein Untertanengebiet, das im 19. Jahrhundert zu einer Region fortschrittlicher Bildung mit hervorragenden Schriftstellern und zu einem ländlich-kleinstädtischen Miteinander fand sowie 1798 in Aarau die ­erste Hauptstadt der modernen Schweiz stellte. «Ich bin ein Produkt der Aargauer Geschichte», schreibt der Autor, der seit vielen Jahren in Basel lebt, seine kragenlosen Bauernhemden aber immer noch in Zofingen kauft. Dem Ort seiner glücklichsten Jugendmomente: dem Kinderfest, wo er als Soldat verkleidet mit Gewehr Spalier gestanden hat.

Der spätere linke Intellektuelle Schneider behält diese Ambivalenz und Volkstümlichkeit: Er verehrt Franz von Assisi, tritt aber aus der Kirche aus; bei den Bauern fühlt er sich wohl und lebt doch in ­Basel, wo er, der im Aargau kulturell abgeschnitten war, die Kunst kennenlernte und in der Rio Bar sein geselliges Zuhause fand. Das war ihm für seine späteren Hunkeler-Romane äusserst nützlich. Dort fand er endlich zu seiner Sprache und zur Literatur: Denn nur bei Wörtern überwinde er seine Entscheidungsschwäche. Am liebsten aber lebte er wohl im Künstlerquartier in Paris, wo er als Germanist fast hängen blieb.

Psychoanalyse bringt ihm die Sprache der Erinnerung

Schneider schildert skizzenhaft und in scheinbar unverbundenen Kurzepisoden die 1940er- und 50er-Jahre. Es ist eine eindrückliche Zeitcollage, die präzis das Kleinstädtische einfängt. Zugleich ist es ein Seelenbild, mit dem er seine Haltungen und sein Temperament erklärt. Das ganze Buch ist ein Lob auf die Aufmüpfigkeit, leidenschaftlich geschrieben und erhellend: Unerträglich findet er etwa, dass der Zürcher Christoph Blocher seinen Enkeln Schneiders Aargauer Lieblingslied vorsingt. Reflexartig kommt die Abwehr des Untertanen.

Geärgert hat er sich in seinem späteren Schriftstellerleben oft: über seine Lehrer, die nichts über die literarische Moderne wussten, über die arroganten Feuilletonisten der NZZ, über den Kritiker-Dünkel gegenüber seinem geliebten, politisch ambitionierten Volkstheater (etwa «Der Bauernkrieg 1653»), über «arrogante Klugscheisser» unter den Theaterdramaturgen. Da wütet er ­ordentlich herum. Und gerät gelegentlich in die Falle jeder Autobiografie: Selbstgefälligkeit. Als das Magazin des Alpenclubs eines seiner Gedichte «aus formalen Gründen» ablehnte, trat der angefressene Sportler aus.

Nach dem Studium arbeitet Schneider als Journalist. Eine ­Depression zwingt ihn in die Knie, in die Therapie und in die Aufarbeitung. Das Erinnern bringt ihm Sprache, und Schriftstellerei ist ihm fortan überlebenswichtig: «Die Lust am Schreiben liegt in der Konzentration, welche die Erinnerung zum Sprechen bringt», schreibt er. Und fügt hinzu: Wenn er die Konzentration nicht mehr aufbringe, werde er seinem Leben ein Ende setzen. Mut zum Schreiben habe ihm Otto F. Walters «Der Stumme» gemacht: «Das wichtigste Buch der neuen Deutschweizer Literatur», das ihm gezeigt habe, dass auch seine eigene Umgebung zur Herstellung von Literatur möglich sei.

Kommissär Hunkeler ist Hansjörg Schneider zur zweiten Haut geworden. Zu seinen Romanen sage er nichts, schreibt er. Erzählt aber doch, wie es zu den Krimis gekommen ist. Darin steckt viel Schneider-Typisches: Enttäuscht, dass sein Drehbuch für einen «Eurocops»-Fernsehkrimi 1993 zu stark verändert worden war, schrieb er kurzerhand aus dem Material einen Kriminalroman. Acht weitere folgten.

Hansjörg Schneider: Kind der Aare. Diogenes, 352 S., Fr. 34.–

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