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B-Sides oder die sechste Jahreszeit

Perfektes Wetter, ausverkauftes Wochenende: Mit rund 4500 Eintritten war die 14. Ausgabe von B-Sides auf dem Sonnenberg ein voller Erfolg. Und die Globalisierung spielte kräftig mit.
Katharina Thalmann
Reverend Beat Man & The New Wave lassen es am B-Sides Festival krachen. (Bilder: Philipp Schmidli, 16. Juni 2018)

Reverend Beat Man & The New Wave lassen es am B-Sides Festival krachen. (Bilder: Philipp Schmidli, 16. Juni 2018)

Wenn die Fasnacht die fünfte Luzerner Jahreszeit ist, so hat sich das B-Sides langsam aber sicher zur sechsten gemausert. Einmal mehr pilgern musikaffinen Kulturfreundinnen und -freunden auf den Sonnenberg. Ob mit Bähnli, Bus, Velo oder zu Fuss, ob mit Kinderwagen oder ohne: Es werden hipper Hedonismus, veganes Umweltbewusstsein und die Liebe zu Kunst und Musik zelebriert. Was die «Grende» und Strassenkleider für die Fasnacht sind, das sind am B-Sides die Birkenstock-Sandalen und Superga-Sneakers. Zwei eher neue Accessoires sind Bauchtäschchen oder Umhängeportemonnaie.

Doch zur Musik: Am Freitag folgt auf Pamela Méndez, die ihr neues Album «Time» Gepäck hat, Long Tall Jefferson alias Simon Borer. Es ist sein erster Gig mit Band, mit Franziska Staubli an der Gitarre, Martina Berther am Bass und Lukas Weber am Schlagzeug. Nicht selten wähnt man sich in den 1960ern und bei Bob Dylans «Tombstone Blues».

Weiter geht die nostalgische Reise durch die Musikgeschichte mit der Tin Shelter Crew: mitten in die ausgehenden 1990er, mitten in den Rock. Die Bedingungslosigkeit, mit der Florian Respondek, Gregory Schärer, Christian Winiker und Simon Gautsch ihre Musik darzubieten wissen, ist uneitel, roh und ehrlich.

Minimal Music mit vierzehn Musikern

Das Konzert des Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp XXL aus Genf orientiert sich weniger am Übervater der Konzeptkunst Marcel Duchamp als an Steve Reichs Minimal Music der 70er-Jahre: zwei Xylofone, zwei Bässe, viel Perkussion, Streicher. Die vierzehn Musikerinnen und Musiker transportieren einen zeitgeistigen Mix aus Ethno-Pop, Partytunes und Post-Genre-Sound. So klingt globalisierte Musik. Das global vernetzte Kunstverständnis spiegelt sich auch in der Speisekarte, die am B-Sides stets Erwähnung verdient: Regionale, fair und nachhaltig produzierte Zutaten werden zu internationalen Gerichten verarbeitet, die von Bratwurst über Chili sin Carne, Ravioli und Falafel hin zu Crêpes reichen. Das Ergebnis: Alles schmeckt irgendwie ähnlich, aber alles irgendwie alles gut. Ähnlich verhält es sich mit Acts wie Sudan Archives und Ammar 808 & The Maghreb United.

Wälzen im Schlamm, Purzeln im Laub

Der Samstag beginnt um die Mittagszeit mit dem traditionellen Kinderprogramm, das rund 150 Familien besuchten. Auch der Verein Pfasyl war beteiligt. Am Nachmittag teilen der Erzähler Michael Fehr und der beatboxende Spoken-Word-Künstler Jurczok 1001 alias Roland Jurczok das erste Mal eine Bühne. Selbstreflektiert bis bissig und mit musikalischer Sprachbehandlung gelingt eine stimmige Darbietung.

In der Abendsonne begeben sich ein paar Dutzend Leute auf einen Abendspaziergang in die nahe Wolfsschlucht: Dort zeigen Angela Schubot und Jared Gradinger eine Tanzperformance für alle Sinne, die auch an der Bad Bonn Kilbi zu erleben war. Sie wälzen sich im Schlamm, purzeln durchs Laub die steilen Hänge auf und ab und verteilen am Ende Brennnesseltee und Zigaretten aus Ambrosia alias Beifuss. Als Kooperation mit dem Südpol ist das ein erfrischender Bruch mit klassischen Konzertsituationen.

Tolle Stimmung am B-Sides Festival.

Tolle Stimmung am B-Sides Festival.

Für weitere Erfrischung sorgen die krummen Buben mit einer hintersinnigen Installation: Ein selbstgebauter Flipperkasten, von der Hörerschaft bedient, gibt Saxofonist Noah Arnold, Bassist Urban Lienert und Bassklarinettist Elio Amberg Spielanweisungen. Die drei stehen in einem dekorierten Kabäuschen: Wenn «game over» getroffen wird, ist die Darbietung zu Ende.

Dann wird es laut: Reverend Beat Man & New Wave strapazieren Stimmbänder und Gitarrensaiten. Der Rock-Prediger nennt sein Genre Blues Trash und schreit Evolutionsgeschichten und lüsterne Fantasien über den Sonnenberg. Seine exquisite Band und die Sängerin Nicole Iszobel Garcia musizieren genau auf des Priesters Wellenlänge.

«Es wird eskaliert!», ruft der Rapper Romano einige Stunden später. Der Köpenicker Paradiesvogel sieht aus wie Barney Stinson mit zwei Zöpfen. Er wirft mit Spielzeuggeld um sich, holt erst eine Julia auf die Bühne, dann dreissig weitere Fans, um ihnen einen «Klaps auf den Po» zu geben. Er lässt Proseccokorken knallen und ruft dazu auf, Banken abzubrennen.

Summa summarum zeichnet sich das Programm am Freitag durch Patchwork-Eklektik, der Samstag hingegen durch Stringenz und Risiko aus. Viel zu entdecken gibt es allemal. Die Stimmung ist friedlich, das Publikum gut gelaunt. Man darf gespannt sein auf die nächste Ausgabe des B-Sides, die vom 13. bis 15. Juni 2019 stattfindet.

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