Bach-Lutz im Lutherjahr 1717

Mit der Lutherkantate "Von der Freiheit eines Christenmenschen" aus der Feder von Rudolf Lutz und Karl Graf haben am Mittwoch die Appenzeller Bachtage begonnen. Das Konzert in der Kirche St. Laurenzen war die Schweizer Erstaufführung des Auftragswerks.

Bettina Kugler
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Schweizer Erstaufführung der Lutherkantate von Rudolf Lutz in der Kirche St. Laurenzen.

Schweizer Erstaufführung der Lutherkantate von Rudolf Lutz in der Kirche St. Laurenzen.

Konzert  Die eigentliche Uraufführung fand bereits im Mai 2017 statt, am für die Reformations­geschichte symbolträchtigen Ort: auf der Wartburg in Eisenach. Weil aber Rudolf Lutz mit seiner Luther-Kantate «Von der Freiheit eines Christenmenschen» treu seinem musikalischen Gottvater Bach folgt, bleibt es nicht bei formalen, kompositionstechnischen Anleihen. Vielmehr begreift Lutz das Werk als fluid, als wandlungsfähig. Es ist die Summe seiner gründlichen Beschäftigung mit Bachs Musik und der langen Zusammenarbeit mit Pfarrer Karl Graf an der Kirche St. Laurenzen. Dem Aufführungsort und der jeweiligen Besetzung folgend darf sich das Werk weiterentwickeln. So war die Eröffnung der Appenzeller Bachtage am Mittwoch in der ausverkauften Laurenzenkirche die Uraufführung einer überarbeiteten Version: der St. Galler Fassung.

Erstes Hören mit Verstand und Herzenslust

Wie häufig in den Konzerten der Bachstiftung liess Rudolf Lutz als Komponist, Moderator und Dirigent das Publikum nicht in Ruhe. Zum einen war jede Stimme gefragt: im Choral der anfangs erklingenden Kantate BWV 79, gemeinsam mit den vier exzellenten Solisten Miriam Feuersinger, Markus Forster, Raphael Höhn und Matthias Helm. Zum anderen kam es vor der Lutz-Kantate in den Genuss einer kurzweiligen Einführung mit Hörbeispielen – auch das ein Extra des monatlich stattfindenden Bachzyklus.

Die Aufführung selbst hatte so den Effekt des vertrauten Wieder-Hörens. Umso entdeckungsfreudiger konnte man dem Komponisten auf Bachs Spuren folgen, sich in die Feinheiten seiner bildkräftigen Umsetzung des Librettos von Karl Graf versenken. Darin verbinden sich Original­zitate Luthers mit Paraphrasen, die zeigen, dass Graf über ein ebenso treffsicheres Gehör für Luthers Sound verfügt wie Rudolf Lutz für Bachs Sanglichkeit bei aller Formkunst. Bestechend ist auch die Idee, die Bach nachempfundene Kantate einzubetten in einen Rahmen aus Prolog und Epilog: Da springen die Zeitgenossen Graf und Lutz fünfhundert Jahre rückwärts; erst ins Jahr 1717 und von dort zu Luther, 1517. Als freie Christenmenschen, als Meister ihres Stoffes und Diener ihres Publikums.