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BALLETT: Ballettleiter Christian Spuck: Mehr als nur schöne Schritte

Christian Spuck leitet das Ballett Zürich seit fünf Jahren – mit grossem Erfolg. Er fördert seine Tänzerinnen und Tänzer auch auf der anderen Seite der Bühne. Einer startet jetzt als Choreograf durch.
Julia Nehmiz
Christian Spuck bei der Arbeit zu seiner Choreografie «Der Sandmann». (Bild: Carlos Quezada)

Christian Spuck bei der Arbeit zu seiner Choreografie «Der Sandmann». (Bild: Carlos Quezada)

Julia Nehmiz

Die Zuschauer stehen an, die Schlange reicht quer durchs ­Foyer des Zürcher Opernhauses. Eben noch hat das Publikum die letzte Ballett-Premiere der Spielzeit bejubelt, doch es reicht ihm nicht, die Stars von Ferne aus dem Zuschauerraum zu be­klatschen. An der öffentlichen Premierenfeier kommt man näher ran an die Tänzerinnen und Tänzer, Choreografen und AusstatterAABB22– und an den Ballettdirektor. Christian Spuck leitet seit fünf Jahren das Ballett Zürich, und er sagt: «Jetzt ist das Ensemble so, wie ich es mir wünsche.»

Fünf Jahre brauche es, bis sich alle gefunden hätten in der Arbeit. Dass sie sich gefunden haben, ist auf der Bühne zu sehen. Zwei Uraufführungen tanzt sein Ensemble in «Corpus», voller Anmut und Hingabe. Das Besondere daran: Ein Tänzer choreografierte sein erstes 40-Minuten-Werk, «disTANZ». Der Ballettchef unterstützt Filipe Portugal auf dem Weg zum Choreografen.

Für Spuck eine Selbstverständlichkeit: «Es ist meine Verantwortung, den Choreografen-nachwuchs zu fördern.» Es gibt nicht viele, die diesen Weg einschlagen, und die mehr können als nur schöne Schritte aneinanderreihen. Die wirklich etwas zu sagen haben, die mit ihrer Arbeit etwas erzählen, mit ihrer Kunst etwas wollen. Das verlangt Spuck auch von seinen Tänzerinnen und Tänzern. «Jeder soll mit­denken, auch inhaltlich, dramaturgisch», sagt er, «man muss sich immer fragen: Warum machen wir das?»

«Routine ist die grösste Gefahr für die Kunst»

Spuck sitzt in seinem Büro, es ist kurz vor Spielzeitende, doch von Ferienstimmung keine Spur. Am Abend stehen in «Anna Karenina» für einige aus der Compagnie die Rollen-Débuts an, und er wird wie bei jeder Vorstellung im Zuschauerraum sitzen; nebenher arbeitet der 47-Jährige bereits an der ersten Premiere der neuen Spielzeit, die Vorproben für den Klassiker «Nussknacker» laufen, den er neu und eigenwillig choreografiert; mit «Romeo und Julia» gastiert sein Ensemble auf einem Festival in Stuttgart. Dann dürfen Spuck und seine Leute durch­atmen: Spielzeitferien.

Der gebürtige Marburger übernahm 2012 das grösste Ballett-Ensemble der Schweiz, 50 Tänzerinnen und Tänzer, wobei das im Vergleich zu anderen Compagnien von Weltruf eher wenige sind, in Wien, Berlin oder München tanzen je rund 80 Frauen und Männer. Für Spuck arbeiten zudem zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Ballettmeister, Dramaturgen, sein Büro. Sein Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert. Im internationalen Tanzbetrieb sind die Vorlauf­zeiten lang, Spuck und sein Team planen vier bis fünf Jahre im Voraus. Bereitet er quasi schon seinen Abschied vor? «Wenn Sie so wollen, ja», sagt er. Aber: Sollte er das Angebot erhalten, fünf weitere Jahre das Ballett Zürich zu leiten, werde er sehr gerne darüber nachdenken. Jetzt ist ihm die nahe Zukunft wichtig; in den nächsten fünf Jahren soll sich nichts wiederholen: «Routine ist die grösste Gefahr für die Kunst.» Er will noch mehr ausprobieren, Projekte wagen mit Musik und Konzepten, die dem Ballett erst mal fern scheinen. Er erlebe die Zürcher Zuschauer als extrem ­offen und treu.

Das Premierenpublikum stöckelt über den Tanzteppich, der noch auf der Bühne liegt, stellt Sektgläser in den Kulissen ab, krümelt Bagels auf den Bühnenboden. Der Zuschauerraum wird Kulisse, farbenprächtig ausgeleuchtet. Ein Feuerwehrmann prostet zwei Technikern zu, eine Zuschauerin mit blauem Hut gratuliert einem Tänzer, und mittendrin im Gewusel schüttelt Christian Spuck viele Hände. Natürlich hat er eine Dankesrede vorbereitet. Von Solokünstlern über Junior-Ballett bis zu Technik, Maske, Schneiderei, BeleuchtungAABB22– oft sagt er: «Was Sie da geleistet ­haben, das muss Ihnen erst mal einer nachmachen.» Wie er dasteht, im schmalen Anzug, energiegeladen, stolz auf seine Compagnie, sein Haus, merkt man: Christian Spuck hat es geschafft, ein Ensemble aufzubauen, das bereit ist, ihm auf allen künstle­rischen Wegen zu folgen.

Der gute Spirit: Sich gegenseitig helfen

Giulia Tonelli und Alexander ­Jones kommen von der Probe, Romeo und Julia, die beiden Titelrollen. Die Italienerin tanzt seit 2010 in Zürich, der Engländer seit 2015. Sie hatte schon meh­rere Romeos, für ihn ist sie seine zweite Julia. Noch etwas, das Ballettdirektor Christian Spuck auszeichnet: Er gibt vielen aus dem Ensemble die Chance, sich in grossen Rollen zu zeigen. In jedem Stück gibt es eine Zweit-, Dritt- oder gar Viertbesetzung. «Er hat den Spirit mitgebracht, dass zwei dieselbe Rolle tanzen, sich aber gegenseitig helfen», sagt Giulia Tonelli. Das sei sehr motivierend. Klar gebe es manchmal Spannungen, wirft Alexander Jones ein, «wir sind Tänzer, man will eine bestimmte Rolle tanzen und ist enttäuscht, wenn man sie nicht bekommt.»

Im Ensemble sei keiner neidisch auf Filipe Portugals Erfolge als Choreograf. «Filipe ist ein gefühlvoller Künstler», sagt Giulia Tonelli. Dass sie seit sieben Jahren zusammen tanzen und er sieAABB22nun choreografiert, fühle sich völlig natürlich an. Und während andere alles vorgeben, entwickeln Portugal wie auch Spuck ihre Choreografien gemeinsam mit den Tänzern.

Für Filipe Portugal war «disTANZ» die erste grosse Arbeit in Zürich, viele kleinere hat er zuvor schon geschaffen. Dieses Talent hatte der frühere Ballettchef Heinz Spoerli entdeckt, der ihn fürs Junior-Ballett und für die Compagnie Werke kreieren liess. Christian Spuck, der in Zürich die Reihe «Junge Choreografen» einführte, fördert den Nachwuchs mit Erfolg: Sein junger Tänzer Benoît Favre choreografierte vor kurzem für das Bayerische Staatsballett. «Christian Spuck macht was er kann, um mich in diese Richtung zu pushen», sagt Filipe Portugal. «Er will mich nicht ändern, er ermutigt mich. Manchmal glaube ich, er weiss besser als ich, was mein Ding ist.» Für den 39-jährigen Tänzer geht es auf der anderen Seite der Bühne voran, das Charlotte Ballet in North ­Carolina hat ihn kommende Spielzeit für eine Choreografie engagiert. Spuck hat ihn für diese Zeit von allen tänzerischen Pflichten in Zürich befreit.

Heimlich in der letzten Reihe

Pausen im Arbeitsalltag muss sich der Ballettdirektor bewusst schaffen. Wenn er nachts um zwei Uhr aufwacht, weil ihm eine Szene nicht aus dem Kopf will, dann setzt er sich an den Schreibtisch. Ein Opernregisseur hat das Libretto, ein Schauspielregisseur den Text, ein Choreograf muss ­alles erfinden. Geniesst er dann, sein Werk an der Premiere zum ersten Mal auf der Bühne zu sehen? «Nein, das ist die Hölle, es tut weh», ruft er, «ich bin ein nervliches Wrack!» Bei seiner Premiere als Choreograf sei ihm plötzlich klar geworden, er könne nun gar nichts mehr machen: Nach der Generalprobe gibt der Choreograf die Verantwortung in die Hände der Tänzer. Wobei, dieses Abgeben sei ja auch etwas Schönes, sagt Spuck. Er prüft trotzdem in jeder Vorstellung ­seine eigene Arbeit. «Ich kann nicht Tatort schauen, wenn meine Compagnie tanzt.»

Am Abend von «Anna Karenina» hat Spuck sich ins Parkett geschlichen, er steht in der letzten Reihe. Francesca Dell’Aria als seine neue Anna Karenina entzückt das Publikum, und auch Christian Spuck ist zufrieden mit der Vorstellung. Doch die Arbeit geht weiter. Die nächste Premiere kommt bald.

Alexander Jones als Romeo. (Bild: Gregory Batardon)

Alexander Jones als Romeo. (Bild: Gregory Batardon)

Bild: Carlos Quezada (Bild: Gregory Batardon)

Bild: Carlos Quezada (Bild: Gregory Batardon)

Filipe Portugal in «Messa da Requiem». (Bild: Gregory Batardon)

Filipe Portugal in «Messa da Requiem». (Bild: Gregory Batardon)

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