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«Sweeny Todd» im Opernhaus Zürich zeigt einen Barbier im Blutrausch

Dass Musical nicht seichte Abendunterhaltung sein muss, zeigt das Opernhaus Zürich. Der Gruselthriller «Sweeney Todd» ist böse, tiefschwarz und albtraumhaft schön.
Julia Nehmiz
Düsterer Racheengel: der Barbier Sweeney Todd. (Bild: Monika Rittershaus)

Düsterer Racheengel: der Barbier Sweeney Todd. (Bild: Monika Rittershaus)

Das Blut spritzt. Töten ist einfach: Beim Rasieren liegt der Hals schön frei, das Opfer lehnt entspannt den Kopf nach hinten, Sweeney Todd seift die Wangen seines Kunden ein, pfeift, singt beschwingt von schönen Frauen, nimmt sein Barbiermesser. Und mit einem kräftigen Ratsch schlitzt er die Kehle auf. Das Opfer zuckt, Todd klappt den Barbierstuhl nach hinten, und klatsch, über eine Rutsche plumpst die Leiche in die Backstube. Frischfleisch für Mrs. Lovetts Pastetenbäckerei.

Schon mit dem ersten Ton aus dem Orchestergraben ist klar, hier wird es die nächsten drei Stunden makaber zugehen. «Sweeney Todd» beginnt mit einem kreischenden Schrei, der zusammenzucken lässt. Der Thriller von Stephen Sondheim feierte am Sonntag an der Oper Zürich Premiere. Das Musical, das nach der Uraufführung 1979 acht Tony Awards gewann, passt bestens ins Opernhaus. Sondheim selber bezeichnete es als schwarze Operette. Operndirektor Andreas Homoki verzichtet in seiner Regie auf jeglichen Musical-Kitsch und Ausstattungs-Klimbim. Er setzt auf Düsternis und die Kraft des Theaters.

Im Keller liegt die kannibalische Bäckerei

Der Raum von Ausstatter Michael Levine ist karg, Glühbirnen rahmen das Portal wie in einem alten Varietétheater. Sonst ist Grau die beherrschende Farbe. Ein grauer Hänger, der den Raum verengt und hinter dem sich ein Podest als obere Spielstätte versteckt. So lassen sich oben und unten parallele Handlungsstränge erzählen. Oben und unten ist auch metaphorisch gemeint, oben der fiese Richter Turpin (schwarzböse der Bass von Brindley Sherratt), der Sweeney Todd nach Australien verbannte, seine Frau vergewaltigte und sich der Tochter bemächtigte. Unten, unter der Bühne, die Pastetenbäckerei von Mrs. Lovett, die die schlechtesten Fleischpasteten von ganz London bäckt, bis sie auf die Idee kommt, Todds Opfer zu verarbeiten. Unten auch das Loch der Bettlerin, die als einzige dem teuflischen Treiben von Sweeney Todd und Mrs. Lovett auf der Spur ist.

Homoki lässt die Bühne ein wenig hochfahren, man sieht, wie die Leichen runterklatschen wie nasse Säcke. Mehr muss er von der kannibalischen Bäckerei nicht zeigen, der Rest passiert im Kopf der Zuschauer. Wenn Sweeney Todd mehr und mehr mordet, flammt der Himmel höllenrot hinter qualmenden Schornsteinen. Regisseur Homoki lässt ein albtraumhaftes London entstehen. Wie Untote bevölkern die Chorsängerinnen und Sänger die Bühne, schmutziggrau die Kostüme, aschfahl die Gesichter. Mit grosser Besetzung malt er düstere Bilder eines Gruselmärchens. Homoki erzählt die Geschichte des dämonischen Barbiers aus der Fleet Street mit wenigen Mitteln – und starken Sängern.

Ein dämonisches Duo

Der walisische Star-Bass-Bariton Bryn Terfel (eigentlich Wagner-Spezialist) ist eine Wucht. Sein Sweeney Todd vereint die grossen Gefühle: Liebe, Hass, Rache – und dann mordet er mit einer Nonchalance, dass das Zusehen eine Freude ist. Er rasiert und tötet mit abgebrühter Lockerheit, heckt mit Mrs. Lovett Pläne aus, erträgt genervt ihre Liebesschwüre, und rutscht in seinen unersättlichen Rachefeldzug und tiefen Hass auf die Welt, dass er blindwütig Kehlen aufschlitzt und beinahe seine eigene Tochter umbringt.

Angelika Kirchschlager, österreichische Star-Mezzosopranistin (eigentlich Richard-Strauss- und Mozart-Spezialistin), brilliert als Todds dämonische Partnerin Mrs. Lovett. Sie legt kaltschnäuzige Rotzigkeit in Stimme und Figur, zertritt mal eben mit dem Stiefelabsatz eine Ratte, und träumt dann sehnsüchtig von einem romantischen Leben am Meer mit ihrem heimlich schon immer geliebten Barbier.

Regisseur Homoki gelingt grosses Musiktheater

Terfel und Kirchschlager sind ein Traumpaar: Farbigkeit, Witz und Intensität in Stimme und Spiel, ihre Zweierszenen opernhausfüllend. Die anderen Ensemblemitglieder und der Chor müssen sich nicht verstecken, bis in die kleinste Figur Glanzleistungen. Regisseur Homoki gelingt grosses Musiktheater in klaren Bildern. Dirigent David Charles Abell lässt es im Orchestergraben kreischen, swingen, fein und wuchtig klingen. «Sweeney Todd» endet noch düsterer, als er begann. Der Leichenberg hat Shakespear’sche Ausmasse. Man kann darin eine Kritik am kannibalischen Kapitalismus sehen, friss oder du wirst gefressen: wörtlich.

Vorstellungen bis 11. Januar

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