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BASEL: Schweizer Buchpreis – Plädoyer für Batthyany

Drei Aussenseiter und zwei Favoriten sind im Rennen um den Schweizer Buchpreis. Am Sonntag wird bekannt, wer ihn erhält.
Hansruedi Kugler
Sascha Batthyanys Buch ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. (Bild: Maurice Haas)

Sascha Batthyanys Buch ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. (Bild: Maurice Haas)

Der logische Favorit auf den Schweizer Buchpreis heisst Charles Lewinsky. Der Sitcom-Schreiber hat sich mit Romanen wie «Melnitz» und «Gerron» in die erste Liga geschrieben. Sein Buchpreis-Roman «Andersen» ist ein fulminanter Grossroman über die Wiedergeburt eines Nazi-Folterers in der Gegenwart. Lewinsky verbindet souverän Zeitgeschichte, Erziehungsroman und packende Schauerliteratur aus der Perspektive eines bösen Kindes – unerhört tolle Unterhaltung. Er hätte für dieses gewagte Buch jeden Buchpreis verdient.

Gewinnen aber sollte ihn Sascha Batthyany. Warum? Er stellt die entscheidende Frage aller Bücher gleich im Titel: «Und was hat das mit mir zu tun?» Sein Erinnerungsbuch ist packende Recherche, atemberaubende historische Erzählung und ambitionierte, gegenwartsbezogene persönliche Selbstbefragung: Wie prägend ist Familiengeschichte? Wie narzisstisch ist das Grübeln in alten Geschichten? Was machen Verdrängung und Schweigen aus uns? Am Ende steht die Frage im Raum: Wie mutig oder feige wäre ich selbst gewesen?

Batthyanys Buch ist eigentlich eine Reportage. Als Journalist für den «Tages-Anzeiger», die «Süddeutsche Zeitung», die «NZZ am Sonntag» hat er viele tolle Texte geschrieben. Man kann sein Buch aber auch wie einen Roman lesen, so spannend erzählt er in «Und was hat das mit mir zu tun?». Die Schlagzeile «Gräfin liess 1945 auf Nazi-Party 200 Juden erschiessen» war für ihn ein Schock: Die Gräfin war seine Grosstante, an die er noch kindliche Erinnerungen hatte. Mit dem Schock im Nacken beginnt er seine Recherche, reist nach Ungarn, Sibirien, Argentinien, stöbert Tagebücher seiner Grossmutter auf – und erfährt, dass diese sich ihr Leben lang mit ihrer Feigheit gequält hat: Denn als die Nazis die ungarischen Juden deportierten, hätte sie als Gutsbesitzerin wohl einige retten können. Das hätte aber den Mut gebraucht, Verstecke zu organisieren.

Wie Batthyany allmählich in seine Familiengeschichte eintaucht, europäische Geschichte ausbreitet, dabei seine Beweggründe ständig reflektiert und dramaturgisch sehr geschickt ein abwechslungsreiches, immerzu spannendes Buch schreibt, ist künstlerisch wie intellektuell geglückt. Das Buch ist empathisch ohne Sentimentalität, klug ohne akademische Aufgeblasenheit. Entscheidend aber: Es ist universal ohne Pathos. Dieses Buch ist über die persönliche Geschichte Batthyanys hinaus eines, das uns Leser am meisten angeht – als Herausforderung der Selbstbefragung übertragbar auf uns alle: Man braucht dazu keine Nazi-Grosseltern zu haben – die Erkundung der eigenen Familiengeschichte, das Verhältnis zu dieser führt immer zu kleinen und grossen Fragen des Lebens. Wie das Batthyany auch mit Hilfe seines Psychoanalytikers macht, liest man äusserst gern.

Inhaltlich überambitioniert

Da wären aber noch die drei Aussenseiter. Man könnte leichtfertig den uralten Vergleich ins Feld führen: Der Vergleich von Büchern sei einer wie zwischen Äpfel und Birnen – also unsinnig. Die Jury hat mit ihrer tollen Auswahl das Spektrum zeitgenössischer Literatur ausgebreitet: Michelle Steinbecks frecher Erstling «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Wal» erzählt mit Märchenhaftem und Surrealem eine verzwickte Entwicklungsgeschichte, ist aber als amüsant-freche Spielerei zu leichtgewichtig. Christian Krachts «Die Toten» wuchtet inhaltlich überambitioniert mit einer mal manierierten, mal trocken-langweiligen Drehbuchsprache die präfaschistische Kulturgeschichte am Beispiel des Kinofilms in einen Roman. Und Christoph Höhtkers «Alles sehen» ist ein wilder, punkiger Underground-Roman.

Ihre Bücher sind allesamt toll, kreativ, interessant – zu bewegen vermögen sie aber nicht in dem Masse wie Lewinsky und vor allem Batthyany.

Hansruedi Kugler
kultur@luzernerzeitung.ch

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