Art Blanche
Von Leonardo umrasieren lassen

Wie merkt man, dass wieder Art ist in Basel? Ganz einfach: Entweder VIP sein oder aufs Velo sitzen und danach die Schrammen zählen.

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Es ist wieder Art in Basel. Zumindest für die VIPs, Galeristinnen und Preview-Geladenen. Für den Pöbel eröffnet die Kunstmesse ihre Pforten wie gewohnt erst in der zweiten Wochenhälfte. Zum Glück gibt es für uns Normalsterbliche ein fein eingestelltes Messgerät, das mit absoluter Zuverlässigkeit anzeigt, dass Art-Ausnahmezustand herrscht: das Fahrrad.

Man muss bloss auf dem Drahtesel durch die Stadt kurven und dabei zählen, wie oft man eine Vollbremsung reissen oder einer Autotür ausweichen muss. Es ist in meiner absolut subjektiven Studie ebenso absolut erwiesen, dass sich während der kunstvollen Tage das Risiko für Velofahrende um einen Faktor erhöht, der sogar gestandenen Auktionsleitern und Kunstinvestorinnen den Puls in die Höhe treibt.

Schuld ist nicht das zusätzliche Fussvolk, das zwischen zwei Apéros in der fremden Stadt unbedacht auf die Fahrbahn latscht. Denn mit ihrem ausgefallenen Kleidungsstil sind diese Passanten besser sichtbar als neonfarbene Pylone. Auch sind die gemieteten Luxuskarossen mit ausserkantonalen Nummernschilder unschuldig am erhöhten Risiko, denn an ihren Steuern sitzt Kunstvolk, das so ortsunkundig agiert, dass es lästig langsam durch die Stadt kurvt.

Wirklich halsbrecherisch hingegen sind während der Art die Taxis unterwegs. Also jene Fahrerinnen und Fahrer, die im restlichen Jahr mit grosser Strassenkenntnis und vorbildlicher Verkehrsregeltreue auffallen. Ist jedoch die Kunstwelt zu Gast, werden die Einsatzpläne dichter und die Trinkgelder höher, dann gilt es, Gas zu geben. Wenn die Kunst-Kundschaft spontan in eine Galerie muss, so ist auch ein Velostreifen ein geeigneter Parkplatz. Zudem: Wer einen Blick für die teuren Werke von morgen hat, der hat keine Zeit für den Blick in den Rückspiegel. Und zack, hat die Beifahrertür ein Velo umrasiert.

Tröstlich ist dann, wenn man sich die Delle im Schienbein oder den Kratzer am Ellbogen nicht von einem Nobody einfängt, sondern von einem VIP. Welch grossartige Geschichte beim Feierabendbier (oder bei der Entlassung aus dem Spital): «Diese Schramme hier habe ich von Leonardo DiCaprio und den blauen Fleck da von Naomi Campbell!»

Wobei: Wenn man sich schon von einem Superreichen zu Fall bringt, dann bitteschön in den Staaten, wo das Justizsystem darauf getrimmt ist, Schmerzensgelder in Höhe eines mittelgrossen Basquiat herauszuschlagen. Ob man den dann auf dem Gepäckträger transportieren kann?

In der Rubrik «Art Blanche» verschafft sich ein anonymer Kunstbanause ganz unartig Luft.