DAS WORT ZUM TAG
30 Jahre Dünger für den Kopf

Denkwürdige Feiertage gibt es zuhauf. Heute beschäftigen wir uns mit dem runden Geburtstag des Kultursenders Arte.

Hannes Nüsseler
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Von Basel geht der Blick in die oberrheinische Tiefebene, wo nicht nur der Spargel stösst, sondern auch ein Spitzengewächs des völkerverbindenden Fernsehens, das im einst umkämpften Grenzland auf den Tag genau seit 30 Jahren gedeiht: der deutsch-französische Kultursender Arte.

Dort ist aktuell im Mehrteiler «Die Saga der Schrift» (online verfügbar bis 19. Juli) zu erfahren, dass der erste Buchstabe des Alphabets, mit dem auch das Akronym (Auflösung folgt) des Fernsehsenders beginnt, eigentlich ein auf seine Hörner gekippter Stierkopf ist – eine ägyptische Hieroglyphe, die von kanaanitischen Wanderarbeitern heimgebracht und weitergezüchtet wurde. Keine Migration, kein ABC – kein Bullshit!

Und selbst wenn ein französischer Modejournalist sich den «British Style» (verfügbar bis 7. Juni) vorknöpft, darf die Stichelei über den Ärmelkanal hinweg als Liebesbekundung verstanden werden – auf dass sich die Naht zu dem von Boris und Brexit geschüttelten Inselreich nicht gänzlich auftrenne und sich England endgültig in den Atlantik verabschiede.

Mit seinen Beiträgen in sechs Sprachen sowie Kooperationsabkommen mit Fernsehsendern in Mittel- und Osteuropa, Nordafrika, Zentralasien und der Schweiz steht das Arte-Programm für Einheit in der Vielfalt – was nicht von ungefähr auch der Leitspruch der Europäischen Union ist.

1984 erstmals als europäischer Kulturkanal angedacht, steht der mit Rundfunkgebühren finanzierte Sender im Geist der deutsch-französischen Aussöhnungsbemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich Europa auf seine kleinsten gemeinsamen Nenner besann: einheitlicher Wirtschaftsraum (EWG, EFTA , usw.), fröhliche Pausenplatzwettkämpfe («Spiel ohne Grenzen»), fragwürdiger Musikgeschmack («Eurovision Song Contest»). Und eben Kultur, im weitesten Sinn.

Endlich Nichtraucher

Was am 30. Mai 1992 noch nach fernsehgewordenem Beamtentum klang – das Akronym A.R.T.E stand für «Association Relative à la Télévision Européenne», also Verein für europäisches Fernsehen –, hat sich derweil als wahrer Kunstgriff erwiesen. In den Hotelferien wie zu Hause gibt es seither wenigstens einen Kanal, der keinen Mist zeigt, sondern Dünger für den Kopf. Und der klaustrophobische Lockdown ohne die Reisereportagen und den geistigen Auslauf von Arte? Unvorstellbar!

Dabei kommen nicht nur abgehobene Schöngeister auf ihre Kosten, wie Unkundige behaupten und der Blick in das aktuelle Programm widerlegt: Natürlich gibt es da die Geschichte des Tanzes (bis 15. Oktober) und die schön animierten «Abenteuer der modernen Kunst» (bis 31. Oktober), aber eben auch «Never Again – Amerikas Jugend gegen den Waffenwahn» (bis 5. Juli) oder Hintergründiges zum Ukraine-Krieg.

Nicht zuletzt darf der Sender für sich in Anspruch nehmen, mich vor 18 Monaten (ja, ich zähle noch immer!) mit einer Doku über Big Tobacco zum Nichtraucher gemacht zu haben. Damit stehen die Chancen etwas besser, dass ich dereinst auch noch zum 60. Geburtstag gratulieren werde: Glückwunsch und merci, Arte!

In der Reihe «Das Wort zum Tag» knöpft sich die bz-Kulturredaktion in loser Folge spezielle Kalendertage vor. Am 31. Mai wird übrigens der Weltnichtrauchertag gefeiert – durchhalten!