Revolutionär
Peter Ochs schrieb Geschichte – als Politiker und als Historiker

Zum 200. Todestag würdigt die Stadt Basel den Revolutionär aus gutem Haus mit einem facettenreichen Programm.

Martin Stohler
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Der Basler Politiker und Historiker Peter Ochs (1752–1821) während seiner Zeit als helvetischer Direktor.

Der Basler Politiker und Historiker Peter Ochs (1752–1821) während seiner Zeit als helvetischer Direktor.

Zvg/Historisches Museum Basel

Erinnerung braucht offenbar immer einen besonderen Anlass. Im Fall von Peter Ochs (1752–1821) ist es der Umstand, dass der Basler aus reichem Haus heute vor 200 Jahren, am 19. Juni 1821, gestorben ist. Peter Ochs verdient es allerdings auch so, dass wir uns an ihn erinnern.

Beeindruckt von den Ideen der Französischen Revolution, setzte sich Ochs für die Abschaffung der Leibeigenschaft, einen modernen Verfassungsstaat, für Menschenrechte und politische Gleichstellung ein. So unterstützte er auch zusammen mit anderen fortschrittlichen Stadtbürgern die Forderung der Landschäftler nach politischer Gleichstellung und begrüsste die Basler Revolution vom Januar 1798.

Noch mehr als der Umbruch in Basel war die kurzlebige Helvetische Republik, zu deren Direktorium Ochs vorübergehend gehörte, der militärischen Intervention Napoleons geschuldet. Die Zusammenarbeit mit Napoleon trug Ochs den Hass mancher Konservativen ein, er wurde beschuldigt, ein Verräter zu sein.

Im Laufe seiner langen politischen Laufbahn hatte Ochs zahlreiche Ämter inne. Dabei setzte er sich wiederholt und engagiert für die Belange der Landbevölkerung ein. So war er die treibende Kraft hinter der Verordnung zu den Landschulen von 1808, die eine Reform bewirkte. Der Bau eines zweiten Armenspitals in Liestal war ihm ebenfalls ein grosses Anliegen.

Ochs auf allen Kanälen

Ausstellung


Aus Anlass des 200. Todestags von Peter Ochs am 19. Juni findet im Historischen Museum Basel in der Barfüsserkirche eine kleine Ausstellung mit 26 ausgewählten Exponaten statt. Parallel werden in der Vitrine der UB Basel im Historischen Museum auch verschiedene Handschriften zu sehen sein, die Einblick in den jahrzehntelangen Schaffensprozess und die Arbeitsmethoden des Schriftstellers und Historikers Ochs geben. Die Ausstellung dauert vom 18. Juni bis 14. November 2021.

Begleitpublikation

Zur Ausstellung ist im Christoph-Merian-Verlag das Buch «Menschenrechte und Revolution – Peter Ochs (1752–1821)» erschienen. Die Publikation mit zahlreichen Abbildungen enthält Beiträge von Stefan Hess, Sara Janner, Benjamin Mortzfeld und Beat von Wartburg. Sie führt kenntnisreich in die Biografie von Ochs ein und zeichnet die unterschiedliche Beurteilung seines Wirkens nach.

Website

Auf peterochs.ch entsteht eine von der Historikerin Sara Janner kuratierte Plattform, welche die Beschäftigung mit Peter Ochs und seiner Zeit unterstützt und den Austausch über die Geschichte und Kultur Basels und der weiteren Region am Oberrhein im 18. und frühen 19. Jahrhundert fördern will. (sto)

In dem von ihm verfassten Handbuch für die Landschulen, das als Hilfe für den mündlichen Unterricht dienen sollte, legte Ochs in knappen Worten dar, worin er das Wesen einer guten Regierung sah:

«Der Zweck der Regierung ist das allgemeine Beste. Das allgemeine Beste ist aber nicht der augenblickliche Nutzen der Mehrheit. Es schliesst in sich die Erfüllung der christlichen Pflichten gegen alle Menschen, die Handhabung der Rechte der minderen Zahl und die Fürsorge für die Zukunft. Jede Generation ist die Pflegemutter der Nachkommenschaft und nur die Nutzniesserin der gegenwärtigen Zeit.»

Als Politiker zeigte Peter Ochs grosses Engagement und schreckte auch nicht vor Kleinarbeit zurück. Das Gleiche lässt sich auch vom Historiker Ochs sagen, wie seine acht Bände «Geschichte der Stadt und Landschaft Basel» zeigen. Ochs begann mit der Arbeit daran im Jahr 1779. Er suchte damals nach dem Abschluss seines Studiums in Leiden nach einer sinnvollen Beschäftigung, um sich nicht als «unnütze Bürde der Erde» vorzukommen. Zudem hatte er bemerkt, dass in Basel auch gebildete Personen – sein Vater und dessen Neffen nicht ausgenommen – wenig über die Geschichte der Stadt wussten und falsche Vorstellungen über sie hegten.

Hilfreich für sein Vorhaben war, dass Ochs 1781 die Erlaubnis erhielt, Bestände des Stadtarchivs zu konsultieren. Mit seiner Wahl als Staatsschreiber am 19. August 1782 bekam er Zutritt zum gesamten Archiv, einschliesslich der geheimen Registratur.

Die acht Bände von Ochs‘ «Geschichte der Stadt und der Landschaft Basel».

Die acht Bände von Ochs‘ «Geschichte der Stadt und der Landschaft Basel».

zvg/Historisches Museum Basel

Der erste Band von Ochs‘ «Geschichte der Stadt und Landschaft Basel» erschien 1786. Um ihn nicht der Basler Zensur vorlegen zu müssen, liess Ochs ihn beim Berliner Hofdrucker Gerold Jakob Decker drucken. Die weiteren Bände folgten in den Jahren 1792, 1819, 1820, 1821 und 1822. Zwischen der Publikation des zweiten und dritten Bandes liegen fast dreissig Jahre. Das ist insofern bemerkenswert, als Ochs eine erste Fassung des Werks – wie schon der Historiker Andreas Staehelin feststellte und Sara Janner in einem Blogbeitrag auf der Website der Universitätsbibliothek Basel veranschaulicht – bereits 1795 oder 1796 vollständig fertiggestellt hatte. Diese Version deckte die Schilderung der Basler Geschichte bis zum Jahr 1787 ab.

Nach seinem Sturz aus der Helvetischen Regierung im Juni 1799 überarbeitete er den Text und erweiterte ihn um die Darstellung der Jahre 1787–1798. Zum Druck kam es damals aber nicht.

Erstmals Zugang zum Stadtarchiv

Ab 1817 bemühte sich Ochs, ermutigt durch seinen Zürcher Freund Paul Usteri, um die Publikation der restlichen Bände. Weil nach dem Sturz Napoleons und dessen endgültiger Verbannung im Jahr 1815 auch in Basel die Prinzipien der Volkssouveränität, der bürgerlichen Freiheit und der Menschenrechte in Frage gestellt wurden, war es Ochs ein besonderes Anliegen, seine Schilderung der Basler Revolution gedruckt zu wissen.

Dies ist denn auch der Fall, wie ein Blick in den 1822 nach Ochs' Tod erschienenen Band zeigt. Ochs wäre darüber sicher erleichtert gewesen. Er hatte nämlich befürchtet, dass Bürgermeister Johann Heinrich Wieland-Schweighauser den Abdruck dieses Teils verhindern könnte, da ihm die Druckerei gehörte, welche den Druck besorgte.

Ochs war der erste Historiker, der vollumfänglich Zugang zu den Unterlagen des Stadtarchivs hatte und in seiner Basler Geschichte wichtige Dokumente im Wortlaut zugänglich machte. Damit war sie bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Edition der Basler Chroniken und Rechtsquellen einsetzte, das wichtigste Nachschlagewerk für die Geschichte Basels im Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Die Manuskripte von Ochs' Basler Geschichte werden teils in der Handschriftenabteilung der UB Basel, teils im Staatsarchiv Basel-Stadt aufbewahrt und zurzeit digitalisiert. Die gedruckten Bände sind online unter www.e-rara.ch einsehbar.

Die Revolution hat gesiegt: feierliche Pflanzung des Freiheitsbaums auf dem Münsterplatz am 22. Januar 1798.

Die Revolution hat gesiegt: feierliche Pflanzung des Freiheitsbaums auf dem Münsterplatz am 22. Januar 1798.

zvg/Historisches Museum Basel

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