Zum Tod von Monika Neun
Die grössten Reisen machte sie im Kopf

Ein Nachruf auf die Theaterkünstlerin Monika Neun, die sich für die Emanzipation des Publikums starkmachte und die kürzlich in Basel verstorben ist.

Alfred Schlienger
Drucken
Monika Neun fehlte jeder Hang zur egomanischen Künstlerpose.

Monika Neun fehlte jeder Hang zur egomanischen Künstlerpose.

Zvg/ Peter Schnetz

Es gibt Menschen, die sind so empfänglich für die feinsten Empfindungen und Regungen des Lebens und der Natur, so durchlässig für alle Wahrnehmungen und Erschütterungen, so neugierig auf das, was auch schmerzen kann, dass man manchmal denkt, sie seien vielleicht fast zu zart, zu empfindsam für diese Welt. Die Theaterkünstlerin Monika Neun war ein solcher Mensch. Ihre Inszenierungen und innovativen Theaterinstallationen, die sie vor allem in Basel, Bern und Zürich zur Aufführung brachte, legen ein überaus beredtes Zeugnis davon ab.

Aber man täusche sich nicht. Bei aller Zartheit und feinstofflichen Empfindsamkeit war Monika Neun eine Künstlerin von grosser Klarheit und Entschiedenheit. Man stemmt weder ein intimes Kammerspiel noch eine Grossinstallation mit mehreren Dutzend Beteiligten ohne dieses innere Feuer, diese Leidenschaft, diese Kraft und künstlerische Überzeugung, die Berge zu versetzen scheinen. Im Kleinen und im Grossen war sie eine Meisterin. Und das Grosse war bei ihr immer gebaut aus vielen feinen Miniaturen.

Das Publikum wählt sich seinen Weg

Ihr Masterpiece ist zweifellos die grandiose Installation «Protect Me From What I Want» von 2004. Da bespielen rund 20 Akteure in 13 Stationen die gesamte Kaserne, vom Unterbauch mit den engen Garderoben, Duschen und Heizungskellern bis hin in die Weiten der Reithalle. Das Publikum wählt sich seinen Weg durch die Geschichten selber, verweilt hier länger, kehrt dorthin zurück, um es nochmals zu erleben – eine Emanzipation des Zuschauens.

Und dabei entsteht keine Spur von Beliebigkeit, weil alles thematisch so klug und vielseitig verwoben und verzahnt ist. Im Kern geht es Monika Neun in ihren eigenen Projekten immer um die Fragilität von Beziehungen, um die grossen Sehnsüchte, die auch zur Sucht und Abhängigkeit werden können, um die kleinen Lügen, die Wunder und Wunden, die Menschen im Miteinander erleben und erleiden. Ein bezwingender Parcours der Intimität in parallel ablaufenden Szenen.

In der freien Szene Visionen umgesetzt

In Bern geboren, lebt Monika Neun nach der Matura längere Zeit in Rom und Paris, studiert Literatur, Sprachen, Theater- und Kommunikationswissenschaften und schreibt aus Paris für die NZZ über Film. Die längste Zeit aber lebt sie in Basel und behält bis zuletzt ihren warmen Berner Dialekt bei. In Basel schafft sie mit «Kunst» von Yasmina Reza 1996 ihren Durchbruch an einem grossen Haus. Fast mehr aber zieht es sie in die freie Szene, wo sie ihre ganz eigenen Visionen umsetzen kann.

Sie begründet mit Ruth Federspiel und Werner Düggelin, mit dem sie seit ihrer Mitarbeit am Centre Culturel Suisse in Paris eng verbunden bleibt, den Raum 33 für junges, experimentelles Theaterschaffen, erfindet mit Lukas Holliger das preisgekrönte Förderprogramm «Antischublade», vergibt selber für ihre Projekte immer wieder Stückaufträge an Schreibende und wird so zu einer der nachhaltigsten Förderinnen für junge Theaterliteratur.

Und dennoch, so richtig warm mit der Theaterszene wird Monika Neun auf Dauer nicht. Das Durchsetzungsgerangel liegt ihr nicht, Selbst-PR ist ihr zutiefst zuwider, ihr fehlt jeder Hang zur egomanischen Künstlerpose. Sie ist quasi ohne Ellbogen zur Welt gekommen. In den letzten Jahren zieht sie sich mehr und mehr aus dem Theaterbetrieb zurück, entwickelt aber viel Freude, Kreativität und Engagement für ihren Brotberuf, die Deutschkurse für Fremdsprachige an der Basler Ecap. Das erlebt sie als eine Öffnung in eine weite Welt.

Die grössten Reisen macht sie im Kopf

Selber ist sie gern gereist und den klugen Genüssen dieser Welt durchaus zugetan. Von einer Expedition durch Burma kommt sie so beglückt wie verstört zurück. Die grössten Reisen macht sie aber im Kopf, in der Literatur und in der Bildenden Kunst. Malerinnen wie Agnes Martin oder den Blütenstaubsammler Wolfgang Laib verehrt sie tief. Inspiriert wird sie aber auch von so prekären Biografien wie jener der Fotokünstlerin Nan Goldin, deren Bilder sie 2001 zur Installation «Menschen 01» in den Baracken der ehemaligen Asylunterkünfte im Riehener Sarasinpark anregen.

Alle Arbeiten von Monika Neun sind geprägt von einer hochgradigen Sprachsensibilität. Ein falscher Ton konnte sie verletzen wie ein Stich ins Herz. Vielleicht kann man einen gewissen Trost darin sehen, dass im kommenden Frühjahr ein Roman der vielseitig interessierten Künstlerin im Atlantis Verlag bei Kampa erscheinen wird. Wenige Tage vor ihrem 55.Geburtstag ist Monika Neun, wie ihr Mann Yves Binet bestätigt, am 11.Juli nach einem Krebsleiden verstorben.