Basler Theaterdirektor über Start seiner ersten Saison: «Kunst ist die Suche nach etwas, das grösser ist als der Tod»

Benedikt von Peter startet in seine erste Basler Saison. Ein Gespräch über Religion, die Kraft der Kunst und die Kompetenz des Kollektivs.

Mathias Balzer
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Benedikt von Peter setzt am Theater Basel neue Akzente.

Benedikt von Peter setzt am Theater Basel neue Akzente.

Juri Junkov

Der Ort für das Gespräch mit Benedikt von Peter ist passend: Die improvisierte Zelt-Kantine auf der Rückseite des Theater Basels bietet Schutz vor dem Regen. Der Theaterdirektor hat für seinen Saisonstart in einer Woche mit vielen Unabwägbarkeiten zu kämpfen: die noch laufende Renovation samt Umbau des Foyers, Probenbetrieb unter Corona-Bedingungen und ein neues Ensemble. Da sind Improvisationstalent und starke Nerven gefragt.

Herr von Peter, wir hören die Presslufthämmer im Theater. Wird alles fertig zur Eröffnung?

Benedikt von Peter: Nein, es wird nicht alles fertig. Das Gerüst wird noch eine Weile stehen, es sind noch nicht alle Klos montiert. Im Foyer, das derzeit Lagerort der Baustelle ist, gibt es noch viel zu tun. Das passt zu unserer Zeit. Das Leben ist eine Baustelle!

Ganz andere Frage: Sind Sie religiös?

Ja. Nicht so, dass ich jetzt jede Woche in die Kirche renne. Aber ich glaube schon, dass es einen grösseren Zusammenhang gibt.

Ich frage, weil Sie Ihre Spielzeit mit einer Oper über Franz von Assisi eröffnen.

Stimmt, ich bin aber nicht katholisch, sondern protestantisch ...

Trotzdem: Franz von Assisi ist ein wichtiger christlicher Mystiker. Was interessiert Sie an dem Stoff?

Franz von Assisi steht für eine spirituelle Kraft im weiteren Sinne. Er war Sohn eines reichen Kaufmanns und hat auf sein Vermögen verzichtet. Deshalb wurde er in den Siebzigerjahren auch politisch rezipiert: Wegen seiner Lebensweise, seinen Schriften und im ökologischen Sinn auch wegen seiner Naturreligion. Die tollsten Texte hat er im Alter geschrieben, als er seinen Körper quasi ausgeschaltet hat, weder trank noch ass und allmählich blind und taub wurde. Daraus hat er seine Poesie geschöpft.

Er hat vor Vögeln gepredigt. War er ein Vorläufer von Greta?

Er hat zu allem gepredigt, was um ihn herum war, auch zu lebloser Materie. Er wollte Steine erweichen mit seinen Worten. Darin hat er vielleicht schon was von Greta, auch wenn ich nicht glaube, dass sie so spirituell veranlagt ist wie er.

Ein anderes Thema in ihrem Spielplan ist die Natur. Sowohl bei den «Metamorphosen» von Ovid, wie auch bei «Moby Dick».

Bewusst gesetztes Thema ist eher die Apokalypse. Meine Oper spielt in einem solchen Szenario, wir zeigen «Cosmic Drama», «Flow der Apokalypse» oder auch «Das Ende der Welt, wie wir es kennen». Die Apokalypse ist eine hochliterarische Setzung. Sie beschreibt einen Nullpunkt, wo sich die Welt neu erfinden muss. Da hinein setzen wir Franziskus, der aber gleichzeitig stirbt. Eine dialektische Anlage, in der inmitten der Zerstörung die Sehnsucht nach der Natur aufersteht.


«Ich bin gespannt darauf, ob wir als globale Gesellschaft aus der Krise lernen.»

Also doch Natur als Thema?

Auch, aber nicht nur. «Moby Dick» ist einerseits ein grosser Stoff übers Männer-Sein, der Selbstfindung angesichts der Grösse der Natur. Die «Metamorphosen» sehen wir eher als Stoff über den Beginn des Erzählens. Viele grundsätzliche Geschichten sind in Ovids Dichtung miteinander verbunden. Es ist eine Art Medley der grossen Stoffe.

Bei Franz von Assisi erwarte das Publikum eine Art Waschmaschine für die Seele. Wie meinen Sie das?

Ich glaube, Messiaen hat sich bei dem Stück sehr stark mit der eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt. Er versucht, mit Musik den Tod aufzulösen. Wenn das passiert, ist das wie eine Waschmaschine. Es löst sich etwas. Da zeigt sich die Kraft von Musik und Theater. Es ist eine Art handlungsbasierte Katharsis, die nach etwas sucht, das grösser ist als der profane Tod.

Der Tod ist ja eine Art Zentrifugalkraft, um die sich Religion und Kunst drehen. Was gewichten Sie mehr?

Es ist verrückt, wie ähnlich sich Kunst und Religion sind. Im 19. Jahrhundert gab es ja sogar den Begriff der Kunstreligion. Damals ist uns dieser eine Gott abhandengekommen, und wir haben auf die Wissenschaft gesetzt. Deren Grenzen werden aber gerade jetzt wieder deutlich sicht- und spürbar. Und da kommt wieder die Kunst ins Spiel. Es ist wie bei «Orpheus und Eurydike». Der Schmerz über den Verlust, den Tod wird in Worte, in Musik, in Gesang verwandelt.

Viele Künstlerinnen und Künstler erzählen, dass die Erfahrung des Lockdowns sie nachhaltig beeinflusst. Empfinden Sie das auch so?

Ich bin da ambivalent. Ich hab während des Lockdowns zwei Häuser geleitet und durchgehend 16 Stunden am Tag gearbeitet. Aber tatsächlich ist die Erfahrung leerer Orte und Strassen intensiv. Der Stillstand reduziert uns aufs Wesentliche. Ich hab Menschen, Mitarbeiter oder meine Partnerin ganz neu und anders kennen gelernt.

Also doch eine wichtige Erfahrung?

Schon, ja. Aber da mein Leben bereits vorher nicht frei von Krisen war, war ich vielleicht vorbereitet auf die gesamtgesellschaftliche Krise. Ich muss aber auch betonen, dass ich einen festen Job habe. In diesem Sinne treffen mich der Stillstand und die damit verbundenen Ausfälle nicht derart existenziell wie andere. Gespannt bin ich darauf, ob wir als globale Gesellschaft aus dem Ganzen lernen werden, ob wir zusammenrücken und aus der Erfahrung etwas machen werden.

Kann Theater ein Narrativ zu solchen Vorgängen bieten?

Theater macht das grundsätzlich. Es erzählt sehr oft von Menschen die vermeintlich verrückt, benachteiligt, einsam sind. Gerade Einsamkeit und Schmerz sind die Erfahrungen, wo Texte und Musik entstehen.

Sie haben in Basel eine Co-Leitung im Schauspiel engagiert. Ein Trend auch an anderen Theatern wie in Zürich. Passiert hier eine Abkehr von alten Theaterhierarchien?

Es gab bereits früher immer wieder Versuche, das so zu machen. Nicht wenige sind auch gescheitert. Die Modelle unterscheiden sich aber auch von Fall zu Fall. Hier ist es so, dass ich sicher eine Affinität zu dieser Form habe. Aber ich hab auch nicht die richtige Einzelperson gefunden, welche diesen Job alleine machen möchte. Eine Sparte zu leiten bedeutet heute sehr viel mehr Arbeit als vor zwanzig Jahren. Die Ansprüche und Bedürfnisse sind enorm gewachsen, in Bezug auf die Kunst, das Management, die Kommunikation. Das ist ein riesiges Pensum geworden. Ich finde, dass vier Leute das alles einfach besser schaffen. Jeder ist in seinem Bereich Spezialistin und Spezialist. In diesem Sinne ist es schon ein antihierarchisches Modell.

Eine andere Marke setzen Sie in Bezug auf die Vermittlung. Sie wird bei Ihnen zur eigenen Sparte. Was steckt dahinter?

Die Abteilung war zuvor schon sehr gross. Wir betten das Ganze jetzt noch in die Zuschauerarbeit ein. Im Theater sieht man immer nur das Resultat, aber nicht die Prozesse dahinter, den sozialen Aspekt, wie etwas gemeinsam entsteht. Das wollen wir vermitteln. Wir laden die Leute ein, sich einzubringen. Mit dem neuen Foyer Public bieten wir die Infrastruktur dazu. Der Raum wird von zwei Leuten betreut und kuratiert. Zudem sind 30 Freiwillige darin involviert. Es ist mir wichtig, diese Arbeit rund um die Kunst als eigenständige Sparte zu budgetieren.

So wollen Sie neues Publikum gewinnen?

Das ist der eine Aspekt. Aber es geht auch darum, dass wir nicht nur in unseren dunklen Probebühnen hocken, sondern das Haus öffnen und jeden Tag mit den Menschen hier in Kontakt stehen und uns inspirieren, vielleicht sogar korrigieren lassen. So was prägt dann auch die Kunst.

Sie eröffnen mit einem grossen Tisch die Saison. Wie darf man sich das vorstellen?

Der Tisch reicht vom Foyer auf den Theaterplatz hinaus – und er ist rot. Das Ganze ist gar nicht so spektakulär. Es ist einfach ein Tisch, wo man sich hinsetzt und Suppe bekommt (lacht). Das erweiterte Leitungsteam wird mit den Gästen sprechen, ich halte eine kleine Rede, das Ballett tritt auf, Les Reines Prochaines und das Opernstudio singen. Es ist eigentlich eine Einladung an unsere Nachbarn und alle Freunde des Theaters, sich kennen zu lernen.

Ist das der Beginn von Rauminszenierungen in der Stadt, wie Sie es in Luzern gemacht haben?

Vorerst machen wir Rauminszenierungen im Theater selbst. Die Räume hier bieten extrem viel. Aber es wird sicherlich auch mal Dinge in der Stadt geben. Ich find es jedoch ebenso toll, wenn das Theater selbst zur Stadt wird. Theater als Lebens- und Aufenthaltsort.

Sie sind im Frühjahr nach Basel gezogen. Welches sind denn Ihre Lieblingsorte?

Ich war seit August sehr viel in der Umgebung des Theaters, in Cafés und auf Plätzen, da ich wegen der Baustelle gar kein Büro hatte. Draussen ist eh mein Lieblingsort. Wir haben auf der Messe geprobt. Ich wohne im Wettsteinquartier. Aber meine Lieblingsorte ...

Hatten Sie noch gar keine Zeit, diese zu finden?

Doch, die Zeit war da. Weil unser Kind zur Welt gekommen ist, haben wir zwei Wochen Sommerferien hier verbracht. Das habe ich noch nie gemacht am Ort, wo ich arbeite. Das war richtig toll. Wir haben die Museen besucht, sind aufs Land raus gefahren, waren im Badischen, waren schwimmen im Rhein, haben viele kleinere Restaurants entdeckt, waren viel zu Fuss in der Stadt unterwegs. Ich mag diese Mischung hier aus Ruhe und gleichzeitig grossem Angebot. Und die Distanzen sind erst noch kurz. Man findet alles in der Strasse, wo man wohnt. Ich bin sehr froh, hier zu sein.

Saisonstart Theater Basel
«Metamorphosen», Freitag, 9. Oktober, «Utopischer Tisch» und «Im Flow der Apokalypse», Samstag, 10. Oktober, «Saint François d’Assise», Donnerstag, 15. Oktober. www.theaterbasel.ch.