Pianist Rudolf Buchbinder:
«Beethoven ändert sich ständig»

Rudolf Buchbinder spricht zum letzten Piano-Festival über Beethoven, die Festival Strings und Trefferquoten.

Urs Mattenberger
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Seit Neun auf der Bühne: Pianist Rudolf Buchbinder (72) in seinem Zuhause in Wien. Bild: Marco Borggreve

Seit Neun auf der Bühne: Pianist Rudolf Buchbinder (72) in seinem Zuhause in Wien. Bild: Marco Borggreve

Sie sind als Interpret und Buchautor eine Beethoven-­Autorität. Da haben Sie wohl im Jubiläumsjahr beide Hände voll zu tun?

Rudolf Buchbinder: Weil ich Beethoven auch unabhängig von Jubiläen spiele, ändert sich für mich im nächsten Jahr kaum etwas. Ich gebe nicht weniger oder mehr Konzerte als sonst, aber ich bin mit einem speziellen Projekt unterwegs. So spiele ich alle fünf Klavierkonzerte mit fünf verschiedenen Dirigenten, unter Andris Nelsons, Mariss Jansons, Valery Gergjev, Christian Thielemann und Riccardo Muti.

Wie können Sie mit derart unterschiedlichen Dirigenten Ihre eigene Vorstellung von Beethoven realisieren?

Das ist gar nicht das Ziel. Auch wenn ich Beethoven-Sonaten allein spiele, klingen sie jeden Abend etwas anders. Aber natürlich habe ich Dirigenten ausgewählt, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Da geht es vor allem darum, dass man mit einem gemeinsamen Atem musiziert. Diese Dirigenten sollen mich mit ihren Orchestern auch nicht bloss begleiten. Ich brauche sie vielmehr als Partner, die mich fordern. Begleiten – das mache ich, wenn ich mit meiner Frau ins Restaurant gehe. (lacht)

In Luzern spielen sie die fünf Klavierkonzerte mit den Festival Strings Lucerne. Lässt sich in einer kleineren Besetzung der Revolutionston realisieren, den man etwa im fünften Konzert erwartet?

Ja, das Heroische bei Beethoven hat mit der Qualität des Klangs und nichts mit Lautstärke zu tun. Das kann man auch als vergrösserte Kammermusik mit einem mittleren Orchester zum Ausdruck bringen. Aber die Musiker sind anders gefordert, wenn man das wie jetzt im Fall der Festival Strings ohne Dirigent macht. Jeder ist bis zum hintersten Geigenpult praktisch gleichwertig und mitverantwortlich. Jeder muss zuhören, ob die Klarinette ein Rubato macht, damit er nicht zu früh kommt. Die Arbeit findet ohnehin in den Proben statt, im Konzert kann man sich nur noch auf Impulse und die Augen verlassen. Nicht zufällig lässt ein Dirigent wie Thielemann an den schönsten Stellen die Hände sinken.

Sie haben mit den Festival Strings bereits alle Beethoven-Konzerte gespielt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Das war eine fantastische Zusammenarbeit, deshalb musiziere ich auch jetzt wieder mit ihnen. Wenn ich mit Orchestern «play and conduct» mache, die das gar nicht gewohnt sind, spüre ich förmlich die Begeisterung, die diese Mitverantwortung auslöst. Bei anderen, die wie die Festival Strings gewohnt sind, unter dem Konzertmeister zu spielen, ist das eine Art Mischform, weil er zwischen mir und dem Orchester vermittelt.

Die Strings berufen sich auf ihre von Wolfgang Schneiderhan begründete «Wiener» Klangtradition. Hören Sie als Wiener, der regelmässig mit den Wiener Philharmonikern auftritt, diese Tradition heraus?

Die Orchester sind heute so international, dass sich ihr Klang immer mehr ähnelt. Das begann mit den Migranten in der Folge des Zweiten Weltkriegs, später wurden europäische Traditionen in die USA verpflanzt, heute kommen viele Musiker aus Asien. Ich weiss gar nicht, ob es noch eine Wiener oder eine russische Geigenschule gibt. Aber die Wiener Philharmoniker haben insofern eine Sonderrolle, als sie keinen Chefdirigenten haben, der den Klang jeweils nach seinen Vorstellungen formt. Dadurch haben sie bis heute ihren eigenen bewahrt.

Beethovens Klavierkonzerte bilden die Entwicklung der damaligen Hammerflügel ab. Tritt der Solist dabei immer mehr als Individuum hervor, wie es der Pianist Leif Ove Andsnes formulierte, oder wird umgekehrt der Virtuose eingebunden ins Orchesterkollektiv, wie Oliver Schnyder meint?

Weder noch! Ich gehe vor allem auf die Barrikaden, wenn man sagt, die ersten Konzerte seien noch von Mozart beeinflusst. Der grosse Unterschied liegt schon darin, dass Mozart seine Konzerte für sich selber schrieb, um damit als eitler Tropf brillieren zu können. Beethovens Konzerte sind vom ersten Takt an purer Beethoven. Schon im zweiten Klavierkonzert endet der langsame Satz so unglaublich, wie man es vom späteren Beethoven kennt. Umgekehrt legt das fünfte Konzert nochmals an virtuoser Brillanz kräftig zu. Die Bedeutung von Solist und Orchester ändert sich nicht grundsätzlich, weil Beethoven beide Seiten weiter entwickelt hat. Ein Höhepunkt ist diesbezüglich das vierte Konzert. Es ist für mich nicht nur das tiefste und sensibelste, sondern auch das schwierigste im Zusammenspiel von Solist und Orchester.

Im Hinblick auf das kommende Jubiläumsjahr wird Beethoven überall als «Revolutionär» gefeiert. Wo sehen Sie seine Aktualität?

Revolutionär wirkt Beethoven bis heute, weil seine Musik immer wieder zu überraschen vermag – auch mich als Interpreten oder meine Frau, die sich meine Interpretationen anhört. (lacht) Das hängt damit zusammen, dass er einer der romantischsten Komponisten überhaupt ist. Während das Bild eines Malers für immer und ewig unverändert an der Wand hängt, ändert sich Beethovens Musik in Aufführungen ständig – im Tempo wie in der Dynamik mit ihren «subito-­piano»-Wechseln. Dass Beethoven nach «Espressivo»-Phrasen verlangt, im Tempo weiterzuspielen, heisst nichts anderes, als dass das Espressivo selber nicht im Tempo gespielt werden soll. Im zweiten Satz der Klaviersonate op. 90 etwa wechselt das Tempo bis zu achtmal – nur trauen wir uns heute kaum noch, das so umzusetzen.

Sie spielen auch Jazz und wollten einst mit Oscar Peterson auftreten. Hätten Sie keine Lust auf eine Jam-Session mit den Jazz-Pianisten am Off-stage des Piano-Festivals?

Dafür wäre ich wohl nicht gut genug! Mit Oscar Peterson, den ich sehr bewunderte, war tatsächlich ein Auftritt in Südamerika geplant, der durch seinen Tod leider verhindert wurde. Aber ich hätte auch da sicher den Kürzeren gezogen, weil er Klassiker besser spielte als ich Jazz.

Sie sind mit 72 Jahren in einem Alter, wo bei manchen die Trefferquote sinkt oder das Gedächtnis nachlässt. Wie halten Sie sich fit?

Was das Gedächtnis anbelangt, ist das für mich gar kein Thema. Und die hohe Trefferquote verdanke ich wohl vor allem der Tatsache, dass ich nur wenig und sehr konzentriert am Instrument übe. Dadurch schone ich meine Hände. Sie sind es ja, die bei einem Pianisten Schwerarbeit verrichten müssen.

Rudolf Buchbinder und die Festival Strings eröffnen das Piano-Festival (16. bis 24. November) mit Beethovens Klavierkonzerten am Samstag, 16. November (Nummer 2 bis 4), und am Sonntag, 17. November (1 und 5) www.lucernefestival.ch 

Wir verlosen 3×2 Tickets für das Konzert vom Sonntag, 17. November, 18.30, im Konzertsaal des KKL. Wählen sie 0901 83 30. Ein Anruf kostet Fr. 1.50.