Beethoven gezeichnet als zorniger Mann

Das zweite Festival in der Andermatt Music Hall zieht bei der Eröffnung viel Publikum an. Auch die akustischen Probleme scheinen gelöst.

Roman Kühne
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Jonathan Brett dirigiert die English Classical Players, Solist ist der Violinist Nikita Boriso-Glebsky..

Jonathan Brett dirigiert die English Classical Players, Solist ist der Violinist Nikita Boriso-Glebsky..

Bild: PD (Andermatt, 16. Januar 2020)

Dieses Bild ist ein starkes Signal. Überlebensgross empfängt der Pianist Daniel Barenboim die Besucher bei der Autobahnausfahrt. In Plakatform und grossflächig wird hier das Winterfestival in Andermatt beworben. Ein Zeichen und ein Versprechen in einem. Man will etwas erreichen und man ist auch auf dem Weg dorthin. Damit dieser Aufbruch gelingt, sind grosse Namen gefragt.

Am Mittwochabend, zum Auftakt des Andermatt Winter Festivals ist es eben der Pianist Daniel Barenboim, der im Konzertsaal das Publikum lockt. Und dieses kommt in Scharen. Schon im Foyer ist das Gedränge gross. Neben den diversen Schweizerdialekten ist viel Englisch und Italienisch zu hören. Gläsergeklirr, angeregte Gespräche, Abendroben und Jeans mischen das Bild. Es herrscht das typische Festivalfeeling. Über 400 Zuschauer versammeln sich schlussendlich in der Andermatt Concert Hall.

Seltene Begegnung mit Barenboim als Pianist

Daniel Barenboim tritt in der Schweiz nur noch selten mit dem Klavier auf, bringt jedoch alle Jahre sein West-Eastern Divan Orchestra ans Lucerne Festival. Er eröffnet das Beethoven-Jahr zu dessen 250. Geburtstag in Andermatt mit vier Klaviersonaten. Des 77-jährigen Pianisten Finger wollen zwar nicht mehr immer ganz so, wie es sich wohl der Meister wünscht.

Auch braucht Daniel Barenboim bei den einzelnen Sonaten immer einen Moment, bis er in ihre Mitte findet. Dennoch schafft er es, eine Spannung und Energie in die Musik zu pflanzen, die das Publikum buchstäblich von den Sitzen reisst. Mehrmals gibt es zwischen den Sätzen Applaus.

Mit Gewicht und Kern geht der Künstler in die Musik hinein. Er spielt einen majestätischen, oft schweren Beethoven. Da ist wenig Spielerisches, wie es zum Beispiel Igor Levit in Luzern in den letzten Monaten zeigte. Klar und griffig sind Barenboims Linien. Vor allem nach der Pause spielt er sich fast in einen Sog. Bereits das Ende der Klaviersonate in Fis-Dur (op. 78) wird vom Publikum mit einer Standing Ovation verdankt. Die finale «Sonate in E» (op. 109) – weite Linien und drängende Emotionen – wird zum Meisterstück an diesem Abend.

Gnadenlos, aber elektrisierend

Am Donnerstag ist man gespannt auf den Auftritt der English Classical Players. Nach zehn Jahren Pause wurde die einst in England hochgelobte Formation für Andermatt reaktiviert. Und immer noch ist einiges an Glanz vorhanden. Der Sound ist warm und lebendig, musikalisch meist stimmig und federnd. Der Höhepunkt des Abends ist der Auftritt des russischen Geigers Nikita Boriso-Glebsky mit dem Beethoven`schen Violinkonzert. Mit einer exzellenten Intonation – und vor allem viel Wildheit – zeichnet er den Komponisten als zornigen Mann. Quasi ein Gegenentwurf zur fliegenden Jahrhundertaufnahme mit Jascha Heifetz ist sein Spiel ein intensiver Kampf. Die Läufe werden von unten in die Höhe gejagt, die Kadenzen einen Schwierigkeitsgrad nach oben geschraubt. Dramatisch, mit Vorwärtsdrive. Gnadenlos, aber elektrisierend. Die English Classical Players unter ihrem langjährigen Leiter Jonathan Brett begleiten ebenfalls mit viel Spannung. Den Anfang mit der Kesselpauke nehmen sie langsam und schwer, bauen bis hin zum Violinensolo eine grosse Spannung auf.

Akustik nahe am Optimum

Die Akustik haben die Beteiligten jetzt besser im Griff. Schrammte der Auftritt des Chamber Orchestra of Europe im letzten Herbst noch knapp an einem klanglichen Desaster vorbei, so ist der Sound diesmal viel ausgeglichener. Vor allem im Parkett, wo ich den ersten Teil des Konzertes genoss, fliesst der Klang transparent und ausgeglichen. Grossartig ist es, praktisch mitten im Orchester zu sitzen.

Einerseits haben sich die English Classical Players wohl besser auf die Bedingungen eingestellt. Andererseits haben die Techniker den Nachhall etwas verlängert. Auch auf dem Balkon und mit der vierten Sinfonie von Beethoven nach der Pause bestätigen sich diese Optimierungen. Das «Blecherne» der Herbstkonzerte ist weg, nur die Kesselpauke und die Trompeten klingen hie und da etwas überlaut. Die Interpretation der Sinfonie mit ihrer Hektik und phasenweise Härte durch Jonathan Brett schafft wenig Intimität, begeistert jedoch das Publikum mit ihrer grossen Intensität.

Beethoven Sinfonie Nr. 5 & 6, Abschlusskonzert, Samstag, 18. Januar 2020, 19.00, Andermatt Concert Hall