Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ausstellung in der Kunsthalle Wil: Befugnis zum Unfug

Die Gruppe ohm41 eröffnet in der Kunsthalle Wil eine Prüf- und Zertifizierungsstelle für Kunst. Tatsächlich nehmen die «Öhmler» damit den hochnäsigen Kunstbetrieb auf die Schippe.
Dorothee Haarer
Die Künstlergruppe ohm41 vergibt Zertifikate für «gute Kunst». (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Künstlergruppe ohm41 vergibt Zertifikate für «gute Kunst». (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Wir wünschen uns eine Welt, die ordentlich, ja genormt sein soll. Normen geben Sicherheit. Sie trennen Gut von Böse. Unsere Normierungslust schützt unsere Umwelt. Sie bewertet Menschen mit Noten und Credits. Und sie definiert, wie gross Kartoffeln und krumm Bananen sein dürfen. Endlich gibt es auch Normen plus Zertifizierungsurkunde zur Bewertung zeitgenössischer Kunst. Zu verdanken ist dies der Künstlergruppe ohm41, einem Verbund von Kunstschaffenden aus St. Gallen und dem Thurgau.

Ohm41 besteht im Kern aus sieben Akteuren. In ihrer heutigen Form gibt es die Gruppe seit 1999. Doch schon in den 80ern realisierte die damals noch locker formierte Runde Ausstellungen und Aktionen. Das Ziel war damals wie heute: Zu- und Missstände künstlerisch hinterfragen. Macher, Institutionen und Sparten vernetzen und dabei der Stadt und Region Wil mehr Gewicht verschaffen.

2019 also feiert ohm41 ihr 20-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum hat sich die Gruppe selbst beschenkt: Anfang Jahr hat sie eine Lizenz des deutschen Standardisierungsinstitutes Norm014 erworben und kann so als unabhängiges und neutrales Kunstprüf- und Zertifizierungsinstitut agieren. Werke aller Art dürfen die «Öhmler», wie sie sich selber nennen, nun mit festen Richtlinien auf künstlerische Qualität abklopfen.

Groteske Kriterien

Das haben sie in letzter Zeit getan. In ihrer Jubiläumsschau «7 mal 20» (Sieben Akteure, 20 Jahre) in der Kunsthalle Wil wollten sie Werke anderer Kunstmacher zeigen. Alle davon, vom Collagebild bis zur Rauminstallation, durchliefen im Vorfeld allerdings ein von ohm41 abgehaltenes Audit. Es ist unwahrscheinlich, dass Kunst je zuvor aufgrund derart grotesker, immerhin normierter Kriterien wie: «Mögliches Abtropfen beim Brand des Werkes» oder «Falsche Farbwahl (z. B. zu viel Rot)» in eine Ausstellung gelangt ist. Doch ein Video dokumentiert den Ablauf des Audits. Und die seit 1. Juni gezeigten Arbeiten geben Einblick in die Vielfalt aktuellen Kunstagierens.

Vom Erwerb der Lizenz bis zur Schau in Wil

Wie gut also, dass ohm41 diese Befugnis zum Zertifizieren hat! Oder, das wird plötzlich klar, es ist wohl mehr eine «Be-Unfug-nis». Denn es ist Unfug und reinste Parodie, was ohm41 durch Zertifizierung von Kunst hier treibt.

Tatsächlich knöpfen sich die «Öhmler» mit ihrem Projekt den heutigen Kunstbetrieb in seiner Überheblichkeit vor. Dafür auditieren sie auf absurde Weise andere Kunstschaffende und visualisieren den Schwachsinn genormter Bewertungskriterien, indem sie, begründet durch Audits, Werke nebeneinander platzieren, die sonst nie zusammenfänden. Untrüglich zeigt sich, dass für Kunst in ihrer Verschiedenheit normierte «Messinstrumente» ebenso wie nivellierende Denkmuster nichts taugen. Verblüfft erkennt man, dass das ohm’sche Zertifizierungs-projekt in Wahrheit eine Langzeitperformance ist: vom Erwerb der Lizenz bis zur Schau in Wil. Es ist eine Performance, die ohm41, den mitwirkenden Kunstschaffenden und der Kunsthalle Wil alle Ehre macht. Mit breitem Grinsen zieht man hier gemeinsam all jene durch den Kakao, die meinen, eine Bewertungshoheit für zeitgenössische Kunst gepachtet zu haben. Zugleich wird der Ruf nach Besinnung auf tragfähige und allenfalls neue Bewertungskriterien laut. Kriterien, die dem Kunstschaffen der Gegenwart wirklich gerecht werden können.

Ausstellung bis 14. Juli, ohm41.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.