Kammermusik im «Schweizerhof»:
Eine Begegnung der besonderen Art

Das Kammerkonzert mit Musikern der Festival Strings und der Kammerakademie Potsdam übertraf alle Erwartungen – eine schöne musikalische Städtepartnerschaft.

Gerda Neunhoeffer
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Die Musikerinnen und Musiker (von links) Meesun Hong Coleman, Stefan Eperjesi, Jennifer Anschel und Dominik Fischer.

Die Musikerinnen und Musiker (von links) Meesun Hong Coleman, Stefan Eperjesi, Jennifer Anschel und Dominik Fischer.

Bild:Boris Bürgisser (Luzern, 9. Dezember 2019)

Einen besonderen Kammermusikabend erlebten die vielen Zuhörer am Montag im Zeugheersaal des Luzerner Hotels Schweizerhof. Denn erstmals spielten Musiker der Festival Strings Lucerne und der Kammerakademie Potsdam zusammen. Die Städtepartnerschaft zwischen Luzern und Potsdam, die 2002 gegründet wurde, verband sich hier klangvoll auf höchstem Niveau.

Laut Hans-Christoph Mauruschat, Geschäftsführer der Festival Strings, und dem Geschäftsführer der Potsdamer Akademie, Alexander Hollen- steiner, ist geplant, diese musikalische Partnerschaft mit Kammermusik weiterzuführen, vielleicht auch mit beiden Orchestern in einem Konzert. Die Weichen sind gestellt, und so, wie die Musiker miteinander kommunizierten, war spürbar, wie viele Möglichkeiten da schlummern. Bereits zwei Tage vorher fand das Konzert in Potsdam statt, wo auch die Proben gewesen waren.

Festliche und erwartungsvolle Stimmung herrschte im weihnächtlich geschmückten Saal, und schon das Programm von Haydn bis Strawinsky versprach Vielseitigkeit. Daniel Dodds, Konzertmeister der Festival Strings, und seine Stimmführerkollegen eröffneten das Konzert mit Adagio und Fuge für Streichquartett c-Moll KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart. Wie aus einer anderen Welt, tiefgründig, archaisch, mit fahlen Klängen, die sich nach und nach aufhellen, interpretierten die vier Streicher das Adagio. Die Fuge mit ihrer extremen Chromatik entwickelten sie zu orchestraler Klangfülle.

Wie ein groteskes Ballett

In «Dance» aus den «Trois pièces» für Streichquartett von Igor Strawinsky erklangen über den scharfen Pizzicati im Cello (Alexander Kionke) und den liegenden Tönen der Bratsche (Dominik Fischer) die kurz prägnanten Melodien in den Violinen (Dodds und Stefan Eperjesi) spitz und wie hingeworfen. «Excentrique» wirkte mit seinen kleinen Seufzern, Sprüngen und krassen Reibungen wie ein groteskes Ballett. Und «Cantique» erinnerte an russische liturgische Gesänge, die mit gedämpften Klängen und hingehauchten Akkorden schwebend endeten.

Die Musiker aus Potsdam setzten das Konzert mit Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 20 Nr. 2 fort. Konzertmeisterin Meesun Hong Coleman spielte mit weichem hellem Klang, der von Geigerin Christiane Plath aufgenommen wurde und dem ersten Satz gesangliche Feinheit verlieh.

Kraftvoll süffig klang das Unisono zu Beginn des Adagios; die Wechsel zwischen orchestraler Dichte und klagenden Melodien im Cello (Jan-Peter Kuschel) gelangen bestechend. Weich schmelzend unterstrichen die Triolen der Viola (Jennifer Anschel) die lieblichen Themen im Menuetto. Silbrig, luftig, fein ziseliert und rasch dahin huschend gestalteten sie das lichte Allegro, bevor es kraftvoll, fast heftig endete.

Hommage an Wolfgang Schneiderhan

Das Streichsextett, Vorspiel zur Oper «Capriccio» von Richard Strauss, wurde 1942 auf Bitte des Komponisten extra vom Wolfgang-Schneiderhan-Quartett und Streichern der Wiener Philharmoniker uraufgeführt. Die Musiker der Festival Strings, die ja von Wolfgang Schneiderhan gegründet wurden, interpretierten das Sextett zusammen mit den Potsdamern wunderbar sehnsuchtsvoll. Das Thema klang in allen Instrumenten mit gleicher Intensität, strahlte auf, um sich dann in den Tremoli plötzlich dramatisch zu verdichten. Kammermusik in höchster Vollendung.

Elfenhafte Leichtigkeit

Nur das Streichoktett Es-Dur op. 20, das Meisterwerk des 16-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy konnte das noch steigern. Die Streicher spielten auch hier im Stehen, die Celli erhöht auf Podesten auf Augenhöhe, und dann erlebten die Zuhörer Klangrausch, orchestrale Strahlkraft, elfenhafte Leichtigkeit und feinste Differenzierungen.

Wie sehr die Musiker ihr Spiel aufeinander abstimmten, sich stets einander zuneigten, Klangfarben von Instrument zu Instrument aufnahmen und weitergaben, das war phänomenal. Dabei agierten die acht Streicher mit sichtbarer, schier unbändiger Spielfreude. Diese musikalische Partnerschaft hat hohes Potenzial – man kann auf die weitere Zusammenarbeit gespannt sein.