Bei der neuen Kammermusikreihe in Luzern lauern unter der Maske auch Tränen

Die Kammermusik-Akteure in Luzern setzen neue Akzente. Die Saison eröffneten die Festival Strings im Hotel Schweizerhof.

Urs Mattenberger
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Für einmal stand am Sonntagabend mit Solist Dominik Fischer die Bratsche im Zentrum des Spiels.

Für einmal stand am Sonntagabend mit Solist Dominik Fischer die Bratsche im Zentrum des Spiels.

Bild: Fabrice Umiglia/PD

Der Boom der Kammermusik in der Region bietet in Coronazeiten beste Voraussetzungen für Konzerte, die keine Grossveranstaltungen sind. Beides, den Boom wie die Coronakompatibilität, bestätigte am vergangenen Sonntag das erste Konzert in der neu lancierten Kammermusikreihe der Festival Strings Lucerne im Hotel Schweizerhof.

Da staunte man, wie im Zeugheer-Saal das Publikum mit viel Luft dazwischen platziert war. Mag sein, dass es da angemessen ist, Masken auf den Sitzplätzen nicht vorzuschreiben, sondern nur zu empfehlen – ein Grossteil der Besucher behielt sie dennoch auch während des Konzertes auf.

Konkurrenten mit je eigenem Profil

Dass der Anlass unter diesen Bedingungen ausverkauft war, mag da nicht verwundern. Aber die neue Reihe, die von Musikern der Festival Strings in der Formation Chamber Players bestritten wird, zeigt, wie Kammermusikreihen sich von anderen mit einem eigenen Profil abheben und ihr Publikum finden können. Das gilt hier auch im Vergleich zu den direktesten Konkurrenten, die in dieser Saison mit ihren Kammermusikprogrammen ebenfalls neue Akzente setzen.

So veröffentlicht die Gesellschaft für Kammermusik im Marianischen Saal demnächst ihr 25. Jubiläumsprogramm und hebt sich von den Eigenproduktionen der Strings durch Gastspiele internationaler Ensembles ab. Die Kammermusik- Matineen des Luzerner Sinfonieorchesters greifen dagegen auf einen Pool von 70 orchestereigenen Musikern zurück: Das bietet eine grosse Variabilität in den Besetzungen, wobei in den rund um Beethoven komponierten Programmen auch mal Flöte, Klarinette und Harfe als Soloinstrumente vertreten sind. Zudem finden die Matineen ab dieser Saison neu im Orchesterhaus des Orchesters beim Südpol statt, erstmals am 27. September.

Nähe zum Original

Das Markenzeichen der Festival Strings Lucerne Chamber Players ist die Nähe zum Original: Man hörte in Quintetten von Boccherini und Schubert praktisch ein Konzert des Kammerorchesters, nur dass dieses nicht sinfonisch erweitert wurde, sondern solistisch verschlankt. So spielten mit Konzertmeister Daniel Dodds und den Cellisten Jonas Iten und Alexander Kionke prägende Musiker der Strings mit. Die zweite Geige spielte Erika Schutter, welche die neue Schweizerhof-Reihe mit verschiedenen Quintettformationen konzipiert hat, sowie der Solobratscher Dominik Fischer.

Die Strings zeigten schon in Boccherinis Streichquintett op. 11.3 die stilistische Flexibilität, die sie in den Jahren unter Daniel Dodds erlangt haben. Da wurden mit schlankem Klang barocke Galanterien mit folkloristischem Schmiss kontrastiert und im Finale tempomässig Extremwerte gestreift. Dass die Celli nicht nur mit dem Sound und Rhythmus eines Riesenkontrabasses agierten, sondern zweistimmig aufblühten, als würden sie singen, verwies ebenfalls bereits auf Schuberts Meisterwerk.

Musizieren aus einer starken Mitte heraus

Vielleicht lag es daran, dass die Violinen links und die Celli rechts die Mitte frei liessen für den Bratschisten. Jedenfalls stand in Schuberts Quintett der Bratschist nicht nur optisch im Zentrum, sondern schmiedete als Spielmacher aus der Mitte heraus immer neue Koalitionen. Ob er sein Pizzicato-Herzklopfen zwischen die Zwiegesänge der Celli und Einwürfe der Violinen streute, sich mit eindringlicher Klangrede einmal dieser, einmal jener Fraktion anschloss: Wie Dominik Fischer ins Ganze eingewoben war und doch eigenständig präsent blieb, stand sensationell für die kammermusikalischen Vorzüge dieser Strings-Formation.

Unterstützt von einer Akustik, der die Beschränkung der Besucherzahl Flügel verlieh, steigerte das Ensemble Schuberts Klangmysterien aber auch zu farbig-orchestraler Weite und trieb sie mit wahren Energieschüben immer weiter. Und wenn die Celli überfallartig kantablen Wohlklang verströmten, musste man sich keiner Träne schämen. Dass diese, wie alles, unter der Maske verborgen blieb, gab ihr gar einen neuen Sinn.

Hinweis
Im zweiten Konzert der Reihe im Zeugheersaal wirken die Geigerin Leia Zhu (13) und der Pianist Benjamin Engeli als Solisten mit (Sonntag, 11. Oktober, 17 Uhr). www.festivalstringslucerne.ch

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