Luzern: An den Rändern des Piano-Festivals – aber oho!

Eindrücke von den Debütrezitals, die mit international bereits erfolgreichen Künstlern fast durchweg auf einem hohen Niveau standen.

Fritz Schaub
Drucken
Teilen
Eine Entdeckung: die Pianistin Danae Dörken.          Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival (Lukaskirche Luzern, 21. November 2019)

Eine Entdeckung: die Pianistin Danae Dörken.          Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival (Lukaskirche Luzern, 21. November 2019)

Das Jazzfestival, wie man das «Piano Off-Stage» mit gutem Grund nennen kann, und die drei Debütauftritte in der Lukaskirche (für erschwingliche 30 Franken) sind zwar nur Randerscheinungen am Piano-Festival. Aber gerade sie sind es, die das Festival hinaus in die Stadt tragen. Schon deshalb ist es schade, wenn mit dem Piano-Festival nun auch diese Konzerte verschwinden.

Die drei diesjährigen Debütkonzerte wurden eingeleitet von der 29-jährigen, in den USA geborenen Claire Huangci, die von chinesischen Eltern abstammt. Nicht nur mit ihrem pinken Outfit, sondern auch mit ihrem ungestümen Temperament und ihrer fabelhaften Technik erinnert sie auffallend an die ebenso extravertierte Yuja Wang. Das ehemalige Wunderkind kann auf den Gewinn des Concours Geza Anda 2018 verweisen, wobei sie sogar den Mozart-Preis gewann. Im Luzerner Rezital lernte man sie freilich von einer andern Seite kennen. Das übergeordnete Merkmal ihrer Interpretation könnte man ein wild, dabei aber sehr konzentriert und präzis zupackendes Spiel nennen. Kaum ist ein Stück in Angriff genommen, geht es los wie die Feuerwehr. Da blieb jeweils bei den vier Sonaten von Domenico Scarlatti, den vier Impromptus D 935 von Franz Schubert sowie beim bestbekannten cis-Moll-Prélude und den sieben Préludes op.23 von Sergej Rachmaninow wenig Raum für Zwischentöne.

Grosse Ausdruckstiefe

Eine Pianistin grundsätzlich anderer Art präsentierte sich im Debüt 2 mit der gleichaltrigen Deutsch-Griechin Danae Dörken. Sie absolvierte dieselbe Klavierklasse wie Igor Levit und Alice Sara Ott, und man fragt sich, weshalb sie nicht ebenso bekannt ist wie die genannten. Denn sie bot ein ebenso anforderungsreiches wie klug zusammengestelltes Programm mit einer solchen Überlegenheit und Ausdruckstiefe, dass man sich dieses Rezital durchaus auch im grossen Konzertsaal in den Rezitals der Berühmtheiten vorstellen könnte. Schon bei den drei Stücken der ersten Serie der «Images» von Claude Debussy bewunderte man ihre fein ­differenzierte Anschlagskultur und vor allem ihren Sinn für Farben.

Auch den «Huit Nocturnes» von Francis Poulenc kam diese Anschlagskultur zugute. Wie bei Debussy nehmen die Stücke teilweise programmatisch zur Realität Bezug. Aber bei Poulenc kommt es immer wieder zu leidenschaftlichen Ausbrüchen, die die Pianistin mit grosser ­Emphase und unbedingter Hingabe bewältigte. Vor der am Schluss magistral dargebotenen h-Moll-Klaviersonate Nr.3 von Frédéric Chopin begeisterte die Künstlerin mit dem rhythmisch hinreissend gemeisterten Vortrag zweier ausgesprochener Erfolgsstücke, der auch koloristisch fein empfundenen «Rumänischen Volkstänze» von Béla Bartók und des Feuertanzes aus dem Ballett «El amor brujo» von Manuel de Falla in der Klavierfassung von Artur Rubinstein.

Erstklassiger Liszt-Interpret

Mit zwei «Schlagern», in welche der Applaus (in diesem Fall sogar Standing Ovations) bereits einprogrammiert war, wartete auch der 28-jährige Brite Alexander Ullmann auf: mit der auf das Klavier übertragenen Suite aus dem «Nussknacker»-Ballett von Peter Tschaikowsky und mit einer älteren Klavieradaption aus Strawinskys «Feuervogel». Die künstlerisch gesehen grösste Aufmerksamkeit aber galt dem ersten Teil mit drei Stücken aus dem zehnteiligen, von Alphonse de Lamartines gleichnamigem Gedichtband inspirierten Zyklus «Harmonies poétiques et religieuses» von Franz Liszt. Dass Ullmann sich bei Liszt, der ihn seit dem Gewinn der «International Franz Liszt Piano Competition» begleitet, freier fühlt, glaubt man ihm aufs Wort. Er bestätigte es gleich mit der über zwanzigminütigen, breit angelegten «Bénédiction de Dieu dans la solitude». Er schöpfte deren Gehalt mit seinem männlich-kraftvoll akzentuierten und handkehrum leichten und melodischen Anschlag wie die beiden andern Stücke voll aus.