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Nochmals eine starke Rebellin: Eveline Hasler erzählt von ihrem neuen Roman

Eveline Hasler spricht über ihren eben erschienenen historischen Roman «Tochter des Geldes». Und über ihre Liebe zu aufmüpfigen Figuren, über ihr Schreiben, das Altern und das Tessin.
Interview: Marie-Louise Zimmermann
Eveline Hasler in ihrer Wahlheimat Tessin, in ihrem Garten über dem Lago Maggiore. (Bild: Mirko Ries/Keystone (Ronco, 17. Mai 2016))

Eveline Hasler in ihrer Wahlheimat Tessin, in ihrem Garten über dem Lago Maggiore. (Bild: Mirko Ries/Keystone (Ronco, 17. Mai 2016))

Wir sitzen auf dem sonnenwarmen Balkon der 85-jährigen Eveline Hasler in Ascona mit Blick auf blühende Magnolienbäume und Kameliensträucher. Fast erübrigt sich die erste Frage:

Sie sind in Glarus geboren, haben in St. Gallen gelebt. Wieso sind Sie vor fünfundzwanzig Jahren ins Tessin gezogen?

Aus Liebe! Ich hatte immer Sehnsucht nach dieser Gegend, die ich seit meiner frühen Kindheit kannte. In dieser Landschaft fühle ich mich aufgehoben, die Energien fliessen leichter als nördlich der Alpen.

Konnten Sie deshalb so viele Bücher schreiben? Mit 85 Jahren haben Sie einen historischen Roman veröffentlicht. Werden Sie nie müde?

Oh doch! Schreiben ist Knochenarbeit: Nach ein paar Stunden am Computer tut mir der Rücken weh. Doch das Alter hat auch Vorteile: Heute erlebe ich Momente des Glücks intensiver, das Frühlingserwachen der Natur etwa. Und vor allem: Wenn ich mich in meine Texte vertiefe, wachsen mir Flügel, die mich über alle Widrigkeiten hinweg tragen.

Das erinnert an «Wachsflügelfrau» im Buch über Emily Kempin-Spyri, die erste promovierte Juristin Europas, die in einer Basler Irrenanstalt landete.

Mich ziehen visionäre historische Figuren an, die für ihre Aufmüpfigkeit von der Gesellschaft oft hart bestraft werden. Die Heldin meines neuen Buchs ist auch eine rebellische Pionierin, die Bedeutendes geleistet hat und trotzdem vergessen ging.

Wie sind Sie auf diese Mentona Moser gestossen?

Ich suche meine Stoffe nicht, sie finden mich! In diesem Fall vor vielen Jahren: 1986 erhielt der Schweizerische Schriftstellerverband eine Einladung in die DDR, und ich wurde per Los dafür ausgewählt. In Ostberlin führte mich meine grosse Kollegin Irmtraud Morgner an das Ehrengrab einer Schweizerin und wunderte sich, dass mir der Name nichts sagte. Ich begann zu recherchieren, aber man warnte mich: Im Kalten Krieg käme eine Hommage an eine Kommunistin im Westen schlecht an. Inzwischen erkennt man hierzulande die idealistische Hoffnung am Anfang dieser Ideologie – Grund genug für mich, einer furchtlosen Sozialpionierin ihre Stimme wiederzugeben.

Ich bewundere zwar deren hartnäckigen Kampf, teile ihre Sorge um den kranken Sohn und empöre mich über die hartherzige Mutter – aber Sie beschreiben das tragische Schicksal dieser Frau kühl distanziert. Warum?

Dabei hat mich selten eine Kindheitsgeschichte so erschüttert wie die der vaterlosen, von der Mutter abgelehnten Mentona! Aber ich hüte mich vor allzu grosser Nähe zu meinen Figuren. Ich fühle mich in sie ein, gestützt auf ihre eigenen Äusserungen und sorgfältig gesammelte Fakten. Aber ich identifiziere mich nicht. So lasse ich ihnen den Freiraum zu eigener Entwicklung.

Ihr erster Roman, der Ihren Ruf begründete, erzählt von Anna Göldin, die im 18. Jahrhundert in Glarus als letzte Hexe Europas hingerichtet wurde.

Darüber redet man in meiner Geburtsstadt nicht gerne! Ihr Verbrechen war ja lediglich, dass sie für eine Magd zu eigenständig war und zu verführerisch für die Männer.

Eigentlich haben alle Ihre Romanheldinnen etwas von einer Hexe: Sie missachteten die engen Grenzen ihres Geschlechts.

Ach ja, die Defizite der Frauengeschichte. Aber ich habe auch über engagierte Männer geschrieben: Varian Fry, der im Zweiten Weltkrieg zweitausend Verfolgten das Leben rettete. Oder Henri Dunant, der unter Schwierigkeiten das Rote Kreuz gegründet hat.

Sie haben Ihre Karriere mit Kinder- und Jugendbüchern begonnen, in «Peppino» thematisierten Sie erstmals die Situation der Immigrantenkinder.

Schreiben für ein junges Publikum war eine gute Schule: Man muss es sofort packen und in die Geschichte hineinziehen, sonst hat man verloren. Das versuche ich auch mit meinen Büchern für Erwachsene.

Und werden Sie dranbleiben?

Jetzt mischt sich Eveline Haslers Ehemann ein, der dem Gespräch bisher mit stummem Interesse gefolgt ist: «Fragen Sie meine Frau das nicht, sonst behauptet sie, das sei ihr letztes Buch – wie so oft. Und morgen beim Frühstück erklärt sie mir dann begeistert eine neue Romanidee, von der sie geträumt hat.»

Eine ungewöhnliche Revolutionärin

In «Tochter des Geldes» erzählt Eveline Hasler das tragische Leben der Schweizer Sozialrevolutionärin Mentona Moser: Als 1874 geborene zweite Tochter des Schaffhauser Uhrenfabrikanten Heinrich Moser ist sie nach dem frühen Tod ihres Vaters ihrer gefühlskalten Mutter ausgeliefert. Auf Schloss «Au» am Zürichsee erlebt sie zusammen mit ihrer Schwester eine freudlose, einsame Kindheit. Volljährig geworden, arbeitet Mentona in den Armenvierteln Londons als Fürsorgerin und Krankenpflegerin. Zurück in Zürich, entwirft sie im Kampf gegen die Tuberkulose für das städtische Bauamt gesunde Siedlungen.

Nach kurzer Ehe mit dem Juristen Hermann Balsiger muss sie für ihr Töchterchen und den körperlich behinderten Sohn allein sorgen, die reiche Mutter verweigert jede Hilfe. 1921 sucht die Idealistin Mentona in der neu gegründeten kommunistischen Partei Hoffnung für eine gerechtere Welt. Nach dem Tod ihrer Mutter engagiert sie sich mit ihrem Erbe in ganz Europa und gründet in Russland ein Waisenhaus.

Vor Stalins Terror flieht sie in den Dreissigerjahren nach Berlin, leistet Widerstand gegen das Naziregime. Ihr Vermögen wird beschlagnahmt, sie kehrt arm und krank zurück nach Zürich. Ihre einstigen Mitkämpfer, die nach Kriegsende die DDR gründen, bieten ihr die Ehrenbürgerschaft und Pflege in einem Ostberliner Pionierheim an. Hier erlebt sie in hohem Alter das Scheitern der DDR und ihres Lebenstraums.

Eveline Hasler: Tochter des Geldes. Roman. Nagel + Kimche, 200 S., Fr. 32.-

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