Kunst-Preisträger Tobias Weber: Ein Beleuchter für die Posen des Bekannten

Der aus Luzern stammende Künstler Tobias Weber ist diesjähriger Preisträger der Keller-Wedekind-Stiftung. In seinen Bildern feiert er den Alltag.

Susanne Holz
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Et voilà: der ganz normale Sportbetrieb. Der Künstler Tobias Weber und sein Bild «Schlussformation». (Bild: Patrick Hürlimann, Zürich, 12. November 2019)

Et voilà: der ganz normale Sportbetrieb. Der Künstler Tobias Weber und sein Bild «Schlussformation». (Bild: Patrick Hürlimann, Zürich, 12. November 2019)

Er ist ein Meister der inhaltsvollen Leichtigkeit, sowohl im Gespräch als auch in seiner Kunst. Wenn Tobias Weber sagt: «Ich inszeniere gern das absolut Bedeutungslose», dann klingt das durchaus empathisch und man hört den Respekt für das «absolut Bedeutungslose» heraus. Schliesslich ist unser aller Leben täglich durchzogen von Dingen ohne grössere Wichtigkeit.

Der 45-jährige Architekt und Kunstmaler, dem am Mittwoch in Zürich der Kunstpreis 2019 der Keller-Wedekind-Stiftung überreicht wurde, hat eine Schwäche für «das Banale, das Langweilige, das Notwendige, das wir alle immer wieder abwickeln». Das Leben bestehe nun mal nicht aus lauter Highlights: «Vieles glänzt nicht.» Umso wichtiger sei es, das Alltägliche mit Humor zu betrachten.

Die fröhliche Absurdität einer Schlussszene

Auf seinen Bildern verleiht der gebürtige Luzerner, der mit seiner Partnerin und den drei Kindern in Hildisrieden lebt, dem Alltag seine verdienten Glanzpunkte. Das Bild «Schlussformation» etwa zeigt sieben Mädchen beim Jazz-Tanz. Sie lächeln, sie blicken konzentriert, vielleicht sogar ein bisschen wütend ab und zu... Sie posieren, und sie haben es geschafft: Sie haben ihren Tanz aufgeführt.

Eine Tochter von Tobias Weber ist auch auf diesem Bild zu sehen. Der Künstler lacht und bringt damit seine Freude über die fröhliche Absurdität so vieler Schlussszenen zum Ausdruck. Als Architekt hat er bei dieser Szenerie auch ein Auge für die klassische Anmutung der Turnhalle, deren knallblauen Boden und die Linie, die sich in Signalgelb über diesen zieht. Als Künstler erklärt einem Tobias Weber, wie er die in Acryl festgehaltene Szene mit Ölkreide verfeinert hat: Er deutet auf die schwarzen Haarsträhnen der Mädchen, die Schriftzüge auf den T-Shirts, auf ein Fussgelenk, das so Kontur gewinnt.

Künstler und Architekt: Der 45-Jährige ist beides, und beides sehr gern. Als Architekt begeistern ihn Strukturen, Aussenräume, Innenräume – «von Menschen inszeniert». Weber fragt sich immer wieder: «Wann stimmt ein Raum?» Als Kunstmaler mag er es, der Regisseur einer Szene zu sein: «Ich zeige, was ich zeigen möchte. Ich reduziere Gesten, fokussiere Blicke.»

Manchmal wisse man beim Malen eines Bilds auch noch gar nicht, wohin der Weg schlussendlich führe: «Ich bin heute alt und locker genug, das zuzulassen.» Das Malen gebe ihm Freiheit, erklärt der Künstler Tobias Weber. «Ich gehe ins Atelier und habe einzig meine eigenen Vorgaben.» Der Architekt Tobias Weber hat andererseits nichts dagegen, sich an Vorgaben von Bauherren und an bestehende Baugesetze zu halten: «Es ist auch toll, mit diesen Weisungen spielerisch umzugehen.»

Ein Rätsel soll immer bleiben

Tobias Weber bevorzugt für seine szenische Malerei, die mal die Männerbadi Zürich, mal ein verlassenes Karussell am ligurischen Strand oder einen einsamen Helikopterlandeplatz auf 3000 Metern Höhe im Wallis zeigt, die Verwendung von Acrylfarbe: «Ich zeige Blicke, Gesten, Momente – die müssen sofort passen. Das Malen mit Ölfarbe wäre zu langwierig.»

Eine Geste müsse sitzen, ­alles ausdrücken: «Das ist für mich absolute Schönheit.» Zu den Finessen dieses Kunstmalers gehört es, Punkte der Leuchtkraft auf seine Bilder zu sprayen. Genau zu beobachten, Handyfotos zu machen, die Farben beim Malen auch mal bewusst zu ändern. Und die Betrachter mit den gemalten Szenerien neugierig zu machen – ein Rätsel soll stets bleiben. Dabei ist Weber das Handwerk sehr wichtig: «Ich möchte, dass das Gemalte trotz Reduktion nicht unbeholfen wirkt, sondern eine Brillanz bewahrt.» Über den nun erhaltenen Preis – mit 70000 Schweizer Franken einer der höchstdotierten ausschliesslich privat finanzierten Kunstpreise der Schweiz, wobei 10000 Franken direkt an den Preisträger gehen – freut  sich Tobias Weber sehr: «Er ist eine Würdigung meiner Entwicklung.»

Bis 21.12.19: Werkschau mit Bildern von Tobias Weber in der Fabian & Claude Walter Galerie, Rämistrasse 18, Zürich. Am 1.12., 14 Uhr: Die Kuratorin des Franz Gertsch Museum in Burgdorf, Anna Wesle, sowie die Kunsthistorikerin und Präsidentin der Keller-Wedekind-Stiftung, Detta Kälin, führen ein öffentliches Gespräch mit Preisträger Tobias Weber. www.tobiasweber.ch; galerie@fabian-claude-walter.com